Freitag, 25. September 2009
Die Liebe, das Lied und die Jugend
Bevor Sie sich dem heutigen Eintrag nähern, bitte ich Sie, einmal durchzuscrollen, um die Ausmaße dieses Beitragsepos zu überblicken. Nicht das es nachher Vorwürfe gibt, Ihnen wäre die Suppe angebrannt, oder zwischenzeitlich Ihr Partner weggelaufen.

Der Eintrag steht hier, um einem Wunsch nachzukommen, den ich mir wünschte und zwar von Frau Monolog, die ähnliche Thematik gestern aufbereitete. Wie könnte ich ihr den abschlagen, wo ich ihr doch schon keine Armeejacke besorgen konnte;-)))

Mit freundlichen Grüßen an die, die es mögen, besonders aber an Büffel (ja ich bin auch von diesem schrecklichen Lied traumatisiert), Frau Bona, Gorilla, Hora, Frau Blütenstaub (wegen der Dramatik;-)) und der Dame von der anderen Seite des Stadtparks.

Eigentlich wollte ich nur Erklärendes zu "Pierre und Luce" für Herrn Monopixel schreiben doch dann überbordete ich.

Mir fiel auf, dass ich beim Stöckchen flunkerte, ich war bereits 15, aber das sei bitte nach all den Jahren entschuldigt.

Es bleibt festzuhalten: Schriftstellerei scheint Knochenarbeit zu sein und stellt eine hohe Forderung an die Eigenmotivation.

So. Jetze überlass ich es Ihnen.

Habe die Ehre.




Pierre und Luce
Maria und James

oder

Jedem seine Bombe



Erstkontakt

Ich war immer nur der jüngste, weil die anderen früher geboren worden. So auch im Jahre 1989, welches ich fast die gesamte Zeit über als 15jähriger verbringen musste, während meine Kumpels alle mehr oder minder schon 16 waren. In diesem Alter war das von Relevanz, gerade wegen der Mädchen.

Im Sommer 1989 wurde ich von der FDJ mit einem ansehnlich uninspirierten Schreiben, das da begann mit „Lieber Jugendfeund…“ zum Sommerlager nach Güntersberge eingeladen. Dies hatte den Hintergrund, dass meine Klassenkameraden mich zum Chef bestimmt hatten. Keine Ahnung warum, ich hatte einen richtig guten Notenschnitt, aber nicht den besten und jeder wusste um die prekäre Situation meines Vaters. Trotzdem, oder gerade deswegen, war es mir bestimmt, den Manager zu geben, was ich auch grandios umsetzte und oft mit Abwesenheit glänzte.

Also fuhr ich da hin, zum kommunistischen Aufbautraining, was sollte man auch sonst tun im präkkaptialistischen sozialtischen Einheitsstaat. Es war eben eine gute Gelegenheit dem Ärger des Elternhauses zu entkommen. Glücklicherweise kam mein damals bester Kumpel Maik mit. Er stammte aus einem ganz anderen Dorf und besuchte eine ganz andere Schule, doch ich fühlte mich eher mit den Jungs aus diesem Umfeld geistig verwandt als mit meinen eigenen Klassenkameraden.

Besonders mochte ich aber Maik, mit dem mich eine innige Liebe zu The Cure verband, die Lust am Zeichnen, Tanzen und natürlich Mädchen. Später in diesem Schicksalsjahr 1989 sollten wir uns massiv zerstreiten und ich habe seit dem nie wieder ein Wort mit ihm geredet, was ich manchmal in stillen Minuten bereue.

Maik wollte immer Robert S. sein. Ich wollte immer ich sein und tue mich noch heute damit schwer

Maik und ich bezogen unser Quartier in einem dieser Bungalows, die Platz für bis zu 12 Personen boten. Jungen und Mädchen wurden strikt getrennt und Sanitäranlagen gab es in einem Extragebäude zur gemeinschaftlichen Nutzung. Für jede Gruppe war ein Team aus zwei Betreuern verantwortlich. Meist waren dies ältere FDJlerInnen. Wir hatten Glück, denn bei den beiden Damen, die für uns verantwortlich waren, handelte es sich um sehr realistisch denkende und deswegen sehr desillusionierte Frauen, die nicht nur recht hübsch waren, sondern auch ziemlich cool.

„Liebe Freunde, hier ist ab 23.00 Uhr Nachtruhe und ich will dann keinen Mucks hören wenn ihr zu den Mädchen rübergeht. Ich will auch nicht erleben, dass sich einer von euch was tut, auf seinem Weg hin oder zurück vom Mädchen-Bungalow. Ist das klar?“

Das war klar und für diese Ansage haben wir die beiden sehr gemocht.

Neben dem täglichen Programm aus Sport, Spiel, Spaß, Freude und politische Erziehung waren natürlich die Abendveranstaltungen das Wichtigste. Besonders die Lager-Disco war die Hauptattraktion, der alle mit höchster Erwartungshaltung entgegensahen.

Auch Maik und ich gingen hin. Wie damals üblich in schwarzer Hose, weißem Hemd, weiße Knöchelturnschuhe, weil wir waren ja Cure-Fans und da gehörte sich das so. Man durfte das Outfit auch mal mit einem schwarzen Pullover variieren, wobei dann aber darauf zu achten war, dass das Hemd hervorlugte, denn Robert Schmith trug das so.

Wir beiden standen in unserer Ecke, versuchten cool zu sein und dabei auch sehr traurig zu wirken, denn wir fühlten den Weltschmerz und konnten viele Lieder darüber singen. Siamese Twins zum Beispiel. Leider und das gilt bis heute, war unserer Musikgeschmack nicht massenkompatibel. Zu der Zeit wurden die Charts von Mory Kante und Ofra Haza beherrscht und dies war auch die vornehmlich gespielte Musikrichtung.

Erschwerend kam hinzu, dass es eine Regel für Plattendreher gab, wonach ein gewisser Teil der gespielten Musik aus den sozialistischen Staaten stammen musste. Daran wurde sich jedoch nur in den allerseltensten Fällen gehalten. Sehr viel schwerer wog die Tatsache, dass gerade bei diesen mobilen Dissen der DJ oftmals nicht die gewünschte Musik dabei hatte. Das galt besonders für den von uns gemochten „exotischen“ Kram. Darum hatten wir immer eine Kassette mit unserer Musik dabei. Diese Aufnahmen mussten aber von sehr guter Qualität sein, denn die meisten DJ´s weigerten sich andernfalls, diese zu spielen.


Stern 1000Radiorecorder, der meistverkaufte Kaasendreher in GDR


Zur damaligen Zeit war „Kiss me Kiss me Kiss me“ das Neueste von The Cure und wir hatten eine saustarke erste Kopie (direkt von Platte aufgenommen) im Gepäck und mit der gingen wir zum Musikbeauftragten, der nach kurzem anhören versprach, ein – zwei Lieder zu spielen, wenn er sich eine Kopie ziehen dürfte. Durfte er, wie waren glücklich und wartenden.

Enthusiastisch still standen wir am Rand des Geschehens und schauten mit verächtlichem Blick den Pet Shop Boys Poppern zu, als eine kleine Gruppe Punks die Szenerie betrat. Wir beäugten uns eine Weile, um dann festzustellen, dass wir uns egal waren und damit waren wir schon fast Freunde.

Endlich spielte der DJ „Why can´t I be you“ an und Maik und ich fanden uns ganz allein auf der Tanzfläche vor. Wir tanzten sehr traurig zu diesem fröhlichen Lied, jeder in seiner Welt, auch so ein verbindender Moment zwischen uns beiden. Ich kann bis heute nicht in Worte fassen, was mich an dieser Band so berührt.

Direkt im Anschluss lief „How beautiful you are“ und nun hatte sich ein Kreis(!) von interessierten FDJlern und Pionieren um uns gestellt, um uns zu beobachten. Das konnte nur bedeuten, dass der DJ die Kaase (von uns erfundenes Wort für Kassette, weswegen der Stern 1000 Radiorecorder auch Kaasendreher hieß)einfach durchlaufen ließ und dass die Mehrzahl der Anwesenden noch nie Cure-Fans gesehen hatte. Auch die Punks standen interessiert am Kreis, als sich ein junges Mädchen aus ihrer Mitte löste und mittanzte. Ab da waren wir dann richtige Freunde.

Es war auf den DDR-Tanzveranstaltungen Usus, dass es ca. eine halbe Stunde gab, in der Musik wie Cure lief, aber auch die Sisters of Mercy, Die Ärzte und dergleichen und im Anschluss daran wurde ebenso die Metal-Fraktion beglückt. Es folgte einem immer gleichen Schema.

Maik und ich tanzten noch ein bisschen Depeche Mode ab und „Roter Minirock“ und wollten eigentlich mit dem Ausklingen des Liedes die Tanzfläche verlassen, denn dem Ablauf des üblichen Procedere folgend, hätte nun Metal gespielt werden müssen. Gab es aber nicht, denn es ertönten die ersten Klänge von „Pierre und Luce“.

Dieses Lied kannte ich da noch gar nicht, fand es aber unerhört schön, tief traurig und staunte auch nicht schlecht, als sich die kleine Punker-Schar zum Takt wiegte. Das Lied hätte ewig so weitergehen können, ich war dem Text schon verfallen, als es plötzlich explodierte und uns wegzufegen drohte. Die Punks begannen fröhlich zu pogen. Maik und ich standen mittendrin und konnten gar nicht anders, als mitzumachen, was eine recht schmerzhafte Erfahrung war. Wir waren keine Freunde dieser Tanzart, ich bin es bis heute nicht, es spiegelt nicht mein Gefühlsempfinden wieder, Maik ging es ähnlich und trotzdem ließen wir uns gefangen nehmen von der puren Energie.

Wie wir im Nachhinein erfuhren, hatte Andreas, ein Junge aus Halle/Saale, sich das Lied auch im Namen seiner Kollegen gewünscht und gleich mal eine Kaase abgegeben. Genau dieser Andreas traf mich während des Tanzes mit seinen Boots und wurde an diesem Abend noch mein bester neuerster Bekannter, weil wir uns nach der Disse in unserem Bungalow trafen, denn Maik und ich mussten unbedingt eine Kopie dieses wunderbaren Liedes haben. Und wie erstaunt waren wir, als Andreas uns erklärte, dass die Gruppe „Die Skeptiker „ hießen und aus dem Osten kamen?

So entstand der Kontakt zu den Punkern, die allesamt aus Halle/Saale kamen, wofür sie von Maik und mir ein wenig Bewunderung erfuhren, denn Halle war nach unseren Maßstäben eine Großstadt. Sehr beeindruckend für zwei Junges vom Dorf, gerade in den damaligen Zeiten, wo ohne Internet oder jegliche Form von moderner Kommunikation, die Trends und Stilrichtungen immer etwas länger brauchten, um auch bis zu uns vorzudringen. Der ganze Habitus, die Attitüde der Gruppe aus Halle zeigte, dass die ein ganz anderes Leben lebten und ein bisschen waren Maik und ich neidisch.

An diesem Abend, in dieser wohlorganisierten und völlig alkoholfreien Disco hörte ich zum ersten Mal „Pierre und Luce“ von „Die Skeptiker“. Es hat mich von Anfang in seinem gesamten Arrangement begeistert, obwohl mich der Text immer wieder aufs Neue berührt. Irgendwo da ganz unten, wo jeder Versuch einer Erklärung bereits im Ansatz an seiner Lächerlichkeit scheitert. Es gibt Dinge, die sind nicht zu erklären.


Maria

Nachdem wir bereits fast eine ganze Woche im Lager verbracht hatten, erklärte uns unsere Gruppenleiterin, dass wir ein Mädchen hinzubekämen. Dieses Mädchen hieß Maria und kam direkt aus dem Jugoslawien Urlaub. Wir sollten bitte nett sein und die Mädchen sollten in ihrem Bungalow ein bisschen Platz freimachen.

Und dann kam sie. MARIA. Und mir blieb das Herz stehen, denn Maria war keineswegs schüchtern, sehr aufgeschlossen, klug und wunderschön. Sie stellte sich vor und ich war ihr sofort erlegen. Bis dahin hatte ich nur Spaß mit den anderen Mädchen im Lager gesucht. Da war keines, das mich bedrohte oder mich inspirierte. Dann sah ich Maria, wir sprachen nur 2 Sätze und alles war anders. Ich wusste, ich war verloren. Sehr verloren.

Es war diese Gefühlslage, die man nicht beschreiben kann, dieses Reißen und Drängen, dieses Wollen und nicht können, der eingebremste Übermut, die erzwungene Vorsicht und der Wunschgedanke, der alles Rationale hinfort bläst. Sie war die erste, die dieses Chaos der Gefühle bei mir auslöste. Damals wusste ich es nicht, ich musste Maik fragen und als der mir lachend bei einer „Club“ erklärte, dass ich wohl verliebt sei, klang das erst albern und wurde dann mehr und mehr zur Gewissheit. Ich war verliebt.

Selbstredend besuchte ich ab Marias Erscheinen alle Schulungen, die sie besuchte. Ich wollte einfach in ihrer Nähe sein, wollte so viel als möglich von ihr wissen. Maik lachte über mich und Maria fragte, ob ich mich wirklich für den imperialistischen Überfall auf Vietnam interessierte. Nö, antwortete ich ihr wahrheitsgemäß, ich bin nur hier, weil du da bist. Sie lachte, schaute mich komisch an und sagte, dass das sehr aufrichtig sei. Aufrichtig! Wie viele 15jährige Mädchen kennen dieses Wort oder dessen Bedeutung? Und genau das war es, was mir an ihr gefiel, was mich bis heute betört: Ein Gesicht und der Intellekt dahinter.

Ich bekam während der Schulungen zum Überfall auf die Schweinebucht und dergleichen über Maria heraus, dass sie 15 war, aus einem kirchlichem Elternhaus stammte, ihre Eltern sich in der Friedensbewegung engagierten, natürlich in Halle wohnte, und mit den meisten Menschen in ihrem Alter nichts anfangen konnte. Ich war da die Ausnahme, ich war lustig, meinte sie und viel weiter in meiner Entwicklung. Maik hat sich hingelegt vor Lachen als ich es ihm erzählte. Ich war ihm aber nicht böse, ich konnte es selber kaum glauben und was macht man mit so einer Aussage, wie bewertet man sie, wenn man ihre Bedeutung nicht mal annähernd begreift? Man lacht mit.

Leider lag in diesem Entwicklungsvorsprung, den Maria hatte, auch unsere Tragödie begründet, denn sie mochte sich viel lieber mit älteren Jungs beschäftigen. Ich habe keine Ahnung wieso das bei Frauen so ist, habe aber die Gewißheit, dass ich heute davon profitieren könnte, doch damals war ich sehr geschockt, als sie mich fragte, wie ich denn den Freund von Andreas, diesen Ingo fand.

Besagter Ingo war der Anführer der Punks, 17 Jahre alt und ein gutaussehender Typ, wie ich neidlos anerkennen musste, natürlich aus Halle und zu allem Überfluss war der auch noch nett.

Ordnungsgemäß sagte ich, dass ich den ganz nett fand und sie sah mich wieder komisch an und meinte: Ich finde den richtig süß. Zack. Das war die Faust in der Fresse und ich fühlte mich hintergangen. Es gab keinen Grund dafür, das wusste ich, aber nur weil man etwas einordnen kann, heißt das noch lange nicht, dass man es auch ertragen wird. Also ging ich. Ganz weit weg. Bis hinter die Küche, da zum Zaun und rauchte. Alles gewollt, nichts bekommen. Nun sei fair, James, dachte ich. Du hast ihr nie gesagt was du für sie empfindest und deswegen ist es zu allererst deine Schuld. Da hatte ich recht und fand mich dafür doof.

Ich ging zurück und versucht mir nichts anmerken zu lassen. Und tatsächlich hat sich niemand für mich interessiert, aber ich habe auch nicht darüber lamentiert. Boys don´t cry. Nicht mal Maik wusste davon. Ich verbrachte die restlichen Tage noch immer soviel Zeit wie möglich mit Maria, wollte in ihrer Nähe sein. Wir lachten viel, lästerten, aßen Eis und gingen Schwimmen. Es hätte die perfekte Teenagerromanze sein können, hätte Maria nicht die Art von Freund, die ich so gern gewesen wäre, in Ingo gefunden.

Je besser die beiden sich verstanden und je deutlicher die gegenseitigen Absichten wurden, desto weniger Zeit blieb für Maria und mich. Es war wirklich Traurigkeit, die mich befiel, wenn ich die beiden so vertraut miteinander umgehen sah, aber sie haben nicht soviel gelacht wie Maria und ich.

Irgendwann ist auch Maik ein Licht aufgegangen und dann kam der Abend, wo wir uns im Dorf Goldkrone gekauft hatten und uns so richtig bei den Tischtennisplatten den Schädel wegschossen… wir gaben dabei keinen Mucks von uns und taten uns auch nichts, dachten wir. Es war jedenfalls das Thema am nächsten Tag in unserer Gruppe und wir haben uns auch wirklich ganz doll entschuldigt. So gut es halt ging mit dem Schädel.

Am letzten Abend wurde ein Abschiedsdisco veranstaltet und man mag es kaum glauben, aber viele derer, die Maik und mich Anfangs skeptischen Blickes bestaunten, liefen nun ebenfalls in schwarzen Hosen und weißen Hemden rum.

Diese Entwicklung erfolgte schleichend, die ganze Zeit über und ich habe mich immer gefragt, was deren Verbindung zu dieser, meiner Musik ist. Es gab keine Antwort und Maik meinte verächtlich: Abgrenzungsphänomen ohne Inhalt. Sie wollen etwas sein, was sie nicht sind. Das war es wohl.

Wir standen in unserer Ecke zusammen mit den Punks und natürlich Ingo, aus Halle(!) an dessen Seite Maria stand und mit ihm Händchen hielt. Ich habe das wirklich gehasst.

Die Veranstaltung plätscherte an uns vorbei, denn wir wartenden auf unsere Musik und waren viel zu cool, um diesen Mainstream abzutanzen, als Maria plötzlich neben mir stand und fragte, ob wir einen Abschiedstanz tanzen wollen. Wollte ich und fragte trotzdem: „Zu der Musik? „

„Warum nicht?“ War ihre Antwort und damit zog sie mich auf die Tanzfläche, wo wir dann tatsächlich mit dem berühmten 1,2 Tip so „richtig“ zusammen tanzten. Es war schon berauschend und beängstigend zugleich, ihr so nah zu sein, ihre Hand in meiner, ihre Bewegung zu spüren und ihren Duft einzuatmen. Ich fühlte mich für den Augenblick sehr sehr groß, sehr erwachsen und traute mich, mich ihrer Halsbeuge zu nähern, was mit der Monströsität der Brille kein leichtes Unterfangen war. Also steckt ich sie in die Hosentasche und versuchte mein Glück erneut und Maria ließ es zu.

So tanzten wir, uns ganz nah, weltvergessen und sie roch so verdammt gut und dann bekam ich halt einen Ständer, was mir so peinlich war, doch Maria sagte nichts, tanzte noch enger und dann war das Lied aus. Einfach so. Obwohl ich nach diesem Tanz die Hoffnung hatte, dass sie mir noch einen schenkte und vielleicht etwas mehr, verließ sie mich mit einem Grinsen und ging zurück zu Ingo und kurz darauf waren die beiden nicht mehr zu sehen.

Am darauf folgenden Tag des Abschieds tauschten wir Adressen und versprachen uns hoch und heilig, uns zu schreiben, was wir dann auch taten. Und wie.


Briefe

Ich schrieb ihr zuerst, denn zu aufgewühlt von all dem Erlebten war ich und konnte nicht anders, als ihr gegenüber offen und ehrlich zu sein. Ich musste alles loswerden, was mich gedanklich gefangen nahm. Dabei war es mir wirklich egal, wie sie darauf reagieren würde, denn ich wollte einen klaren Sachverhalt und nicht mehr diese bruchstückhaften Sympathiebekundungen und dieses Tasten. Dennoch schlich ich in der Zeit des Erwartens ihrer Antwort wie ein geprügelter Hund um den Briefkasten.

Dann kam der Tag, an dem Mama meinte, da wäre ein Brief für mich angekommen und ich war so aufgeregt und wie glücklich war ich, als ich ihren Namen als Absender las.
Mit dem Brief in der Hand ging ich auf mein Zimmer, machte Musik an, zelebrierte die Öffnung des Kuverts und begann zu lesen.

Trauriges stand da, denn Ingo hatte sich schon kurz nach der Rückkehr von ihr distanziert. Die Gründe dafür habe ich nie erfahren und ich habe auch nie danach gefragt. Es gibt Situationen, da wollen Menschen sich nicht erklären, sie wollen nur etwas für sie allein Untragbares teilen. Damals hätte ich das so nicht ausdrücken können, aber ich handelte bereits danach. Wenngleich ich innerlich frohlockte, so wollte ich sie nicht bestürmen und schrieb ihr Tröstendes zurück, ganz ohne auf meine Belange einzugehen, oder danach zu fragen, wie sie meinen Brief fand. Das sollte dann später von ganz allein Thema werden, denn es entspann sich ein reger Briefverkehr.

Oh, wie ich mich verzehrte in den Tages des Wartens, wie nervös ich wurde, wenn der rechnerisch ermittelte Tag der Antwort ohne Briefankunft verstrichen war und wie jubilierte ich, wenn ich ihren Brief in der Hand hielt. Es war jedes Mal ein emotionales Großereignis, welches ich immer ganz allein für mich genoss.


Halle

Eines Tages dann schrieb sie mir, dass sie nun Telefon hätte und wenn ich Lust hätte könnte ich sie doch mal anrufen. Wir hatten kein Telefon und hätten es mit dem politischen Hintergrund in der Familie auch die nächsten Tausend Jahre nicht bekommen, aber wir hatten in 14km Entfernung eine Kreisstadt und in der gab es eine Telefonzelle. Also bin ich ab da zweimal die Woche, egal ob Regen, oder nicht, mit dem Moped zum Telefonieren hingefahren.

Wenn man sich die Möglichkeiten heute so anschaut, klingt dies grotesk, dennoch glaube ich, dass darin vielleicht auch der Zauber liegt. Erst wenn man sich anstrengen muss, erhalten die Dinge ihren Wert und ihre Wertschätzung.

Maria wusste es zu schätzen und wir lachten viel; es gab auch immer etwas zu bereden. Die Schule hatte wieder angefangen, Dorfdisco, der Umbruch im Land, den man fühlen konnte, dieses Flirren, Gedanken, die erstmals zumindest halblaut ausgesprochen wurden und diese völlige Arschegaleinstellung, die sich bei uns Kids breitmachte und natürlich „Disintegration“. Und dann sagte ich ihr, dass ich sie sehen will und sie antwortet: „Du weißt wo ich wohne, ich bin immer da.“

Das war eine astreine Vorlage, die ich gleich am nächsten Wochenende umsetzte. Ich besprach mich mit Maik, der hatte auch Lust und so fuhren wir, ohne unseren Eltern bescheid zu geben, Richtung Halle.

Das war für uns fast eine Weltreise: Erst mit dem Moped zur Bushaltestelle, dann mit dem Bus in die Bezirksstadt, von dort den Zug nach Halle.

Zu unserer Überraschung war der gesamte Zug voll mit Punks und wir Rotznasen mittendrin, mit unseren schwarzen Hosen und Pullovern unter denen das weiße Hemd hervorschien. Maik hatte extra zur Feier des Tages den Pullover an, den seine Oma für ihn strickte. Auf dessen Brust prangte in großen weißen Buchstaben „The Cure“ und so saßen wir mittenmang den deutlich älteren und sehr furchteinflößenden Subversiven. Eine Lüge wäre, würde ich schreiben, dass wir keine Angst hatten. Wir hatten verdammten Schiss und erst als ein Punker-Mädchen von der anderen Gangseite meinte: „So, ihr mögt Cure?“ Entspannte sich die Situation etwas.

Maik und ich schauten uns kurz an und sagten dann gleichzeitig: „Ja.“

So entstand eine kleine Diskussion über The Cure, Lieblingslieder und wir erfuhren, dass die Punks auf dem Weg nach Halle zu einem „Skeptiker-Konzert“ waren. Ich erklärte, dass ich von dieser Gruppe nur ein Lied kannte und das hieß „Pierre und Luce“. Aber dieses eine Lied mochte ich sehr. Naja. Nach diesem Statement war uns nicht mehr unwohl, denn wir hatten Geschmack bewiesen. Es wurde eine lustige Fahrt, obwohl wir den mehrmals angebotenen Alkohol nicht wollten.

In Halle Hauptbahnhof angekommen wurden wir von einer Armada von Polizisten empfangen, die für Ruhe und Ordnung unter den Punks sorgen sollten. Maik und ich sahen zu, dass wir da weg kamen. Vom Bahnhof aus rief ich Maria an. Sie konnte nicht glauben, dass wir ganz in der Nähe waren und freute sich. Wir ließen uns schnell von ihr erklären, welchen Bus wir zu nehmen hatten und an welcher Station wir aussteigen sollten.

Tja. Und dann stand sie da und wartete zusammen mit ihrer Freundin, deren Namen ich vergessen habe. Maria war wirklich schön, wie sie da so stand und lächelte und trotz aller Briefe und Gespräche am Telefon fühlte sich das Alles so neu an, so ungewohnt und keiner von uns beiden wusste mit dieser Situation umzugehen. Eine flüchtige Umarmung und das war es auch schon. Ich bemühte mich sehr intensiv um ihre Freundin, nur damit ich nicht mit Maria reden musste und sie hatte sich furchtbar viel mit Maik zu unterhalten. Diese anfängliche Befangenheit gab sich aber dann im Lauf des Tages. Ganz langsam und sehr behutsam kamen wir uns näher, beschnüffelten uns ein wenig, ein wenig mehr und plötzlich hielten wir Händchen. Ich war sehr glücklich in diesem Moment.

Maria erzählte, dass es eine Disco in diesem Jugendclub ganz in der Nähe gäbe und so sind wir dahin. Dort angekommen waren Maik und ich sehr erschrocken, denn der ganze Laden war fest in der Hand von jungen Skinheads und der Ärger war vorprogrammiert. Weder Maik noch ich, noch unser gesamtes Umfeld wollte mit dieser Richtung etwas zu tun haben. Wir hielten uns tunlichst fern von all dem und an diesem Abend waren wir unversehens mittendrin.

Einer von den Typen machte auch gleich Maik wegen seines Pullovers an und keine 2 Sekunden später hätten sie und wahrscheinlich übelst verhauen, aber Maria entschärfte die Situation, indem sie mich bei der Hand nahm und aus dem Laden rauszog. Ich zog Maik mit und er diese Freundin Marias, die Maik sehr sehr sehr sehr interessant fand.

„Dann halt nicht.“ Sagte Maria und: „Ich habe eh mehr Lust, mich mit dir zu unterhalten.“

„Wir gehen mal in diese Richtung hier“, kichert die namenlose Freundin, die sich schon längst bei Maik untergehakt hatte und ihn mit sich zog.

Maria und mir war das recht und ich erinnert Maik nur kurz daran, dass er die Zeit im Auge behalten sollte, denn wir wollten mit der letzten Bahn nachhause. Maria rief den beiden noch hinterher, dass wir zu diesem See gehen werden und sie sollten uns dann da abholen. Wir waren uns nicht sicher, ob sie uns gehört hatten, aber das war dann auch schon egal.

Hand in Hand schlenderten wir zu besagtem See. Dort angekommen lagen wir nebeneinander im Gras und schauten in den sternenklaren Nachthimmel. Ich zeigte ihr gerade Orion und solche Dinge, für die ich mich schon immer begeistern konnte, als sie mich fragte, was wohl mein Wunsch wäre, hätte ich einen frei. Ich hatte nicht wirklich einen, aber ich sagte ihr, dass ich gern wüsste, was danach kommt, also die Wahrheit hinter den Dingen. Sie schaute mich an und sagte, dass dies zu mir passen würde.

“Ja“, rief ich da fast, „ich will gern wissen, was hinter den Sternen ist. Ich will wissen wo es endet und wo es anfängt. Es muss danach noch etwas kommen! Was und wer? Das hätte ich gern gewusst. Willst du das nicht auch wissen?“

„Nein“, antwortete sie. Über solche Fragen nachzudenken mache ihr Kopfschmerzen und sie wird davon verrückt.

„Ja“, bestätigte ich ihr, „diese Fragen können einen in den Wahnsinn treiben. Aber was wäre dein Wunsch?“

„Ein Kuss?“

Das war ein einfach zu erfüllender Wunsch, dem ich gern nachkam und dann endete dies in einer wilden aber sehr harmlosen Knutscherei und ein bisschen Fummeln. Es fühlte sich so gut an, wie ankommen nach einer langen Reise.

Irgendwann kamen dann Maik und die Namenlose. Ich konnte an seinen Augen sehen, dass da wohl ein wenig mehr gelaufen war und später im Zug erzählte er es mir brühwarm.

„SEX. Ich hatte richtigen Sex!“, grinste er breit über beide Ohren. Er wollte mir aber nicht glauben, dass Maria und ich harmlos blieben.

Die Heimreise unternahmen wir wieder mit Punks, die aber alle ziemlich durch waren. Nach dem Trip, mit unseren neuesten Erfahrungen, konnte uns eh nichts ängstigen. Und wie mussten wir schmunzeln, als die Punks in der Bahn unter anderem „Pierre und Luce“ völlig schief und nicht ganz textsicher grölten. Es war eine schöne Heimreise, wegen allem was uns wiederfahren war. Da konnte auch die Standpauke daheim nichts ändern, sie machte mir nichts aus, ich war für den Moment unverwundbar.

Maria und ich machten eine Weile so weiter. Briefe, Anrufe, das kleine Glück. Wir lebten vor uns hin. Berufswahl und Prüfungen vor Augen, als uns unsere Bombe traf. Die Mauer ging auf und das, was schon immer Wunsch war, wurde schnell geplant und umgesetzt: Wir siedelten in den Westen um.

Ich habe den Kontakt zu all meinen Freunden zu Beginn komplett abgebrochen. Es gibt keine Erklärung dafür. Scham vielleicht? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass mich dieses „neue“ Leben komplett überrollt hat. Upside down. Es hat eine Weile gedauert, bis ich den ganzen West Hokus Pokus durchschaut hatte und es war nicht immer leicht, der Ossi-Arsch zu sein, ohne Kohle und ohne den Coolness-Faktor. Zu erkennen, dass die Dinge, die einem persönlich wichtig waren, Dinge die dein Tun bestimmt hatten, nun nichts mehr wert waren und Turnschuhe von Reebook ein bestimmendes Thema waren.

Anfangs versuchte ich da mitzuspielen und konnte mich dabei noch so sehr anstrengen, es hat nie gereicht. Wie hätte es das auch können, wo die Marke deiner Klamotten dir erst deine Identität verleiht? Und dann kam der Punkt, wo mir das arschegal war und plötzlich habe ich genau solche Leute kennengelernt, denen es ähnlich ging und ab da wurde vieles einfacher.

Abschluss

Oft musste ich in den kommenden Jahren an Maria denken. Die eigenen Feigheit dabei einzugestehen war das Schlimmste, sich in Demut zu üben noch neu und doch, eines Tages, es regnete und ich hörte alte Lieder, eine Kerze brannte und ich war allein daheim, da startete ich den Versuch, sie aufzuspüren.

Es war fast zu einfach und als ich endlich eine Telefonnummer eines Geschäftes in Halle hatte, von dem ich glaubte, dass ihre Eltern es betreiben würden, brauchte ich nochmal ne Woche, um mich zu trauen.

Ich rief dann an und fragte die Männerstimme am anderen Ende der Leitung, ob er eine Maria sowieso kenne. Ja, antwortete diese, das ist meine Tochter. Da schlug mein Herz irgendwo in der Stratosphäre.

Ich erklärte ihm die Situation und er konnte sich an mich erinnern, obwohl wir uns nie begegneten. Er sagte mir, dass ich Pech hätte, denn Maria sei in der Uni, aber er gab mir ihre Handynummer, sodass ich sie direkt anrufen konnte.

Tja. Wir haben uns dann verabredet, natürlich in Halle. Es war mir ein Leichtes, denn ich hatte direkt nach dem Studium einen feinen Job und ein feines Auto, also legte ich einen Geschäftstermin so, dass ich sie besuchen konnte.

Wir trafen uns vor dem Geschäft ihrer Eltern, da in der Innenstadt. Ich war zu früh dort und hielt nach ihr Ausschau. Doch selbst als sie direkt vor mir stand, habe ich sie nicht sofort erkannt. Dünn war sie geworden, fast ausgemergelt. Der Glanz ihrer Augen war nicht mehr und sie roch auch nicht mehr so gut.

Ich lud sie dann in ein Studentencafe ein. Sie sagte, dass sie sich zu Beginn Sorgen gemacht hätte, sich dann aber fast dachte, dass ich abgehauen wäre. Maik hätte ihr es auch irgendwann bestätigt. Ich hatte keine guten Worte einer Entschuldigung und versuchte es auch gar nicht erst. Wir unterhielten uns über die Dinge, die uns zu der Zeit beschäftigten und so erfuhr ich, dass sie 4 Jahre in Paris wohnte.

Sie hatte dort einen Freund und eine Modelkarriere, die aber nicht so richtig lief. Sie war halt nicht der Typ, der gefragt war und ein bisschen zu klein. Dann trennte sie sich von diesem Freund und wollte ihrem Leben eine neue Richtung geben und begann ein Studium in Halle: Internationales Vertragsrecht.

Sie wollte zukünftig die große Kohle machen und Firmen beraten. Je mehr sie davon erzählte, desto mehr wurde mir klar, dass wir nichts Gemeinsames mehr hatten, außer der gemeinsamen Zeit und die Erinnerung daran. Wenngleich diese bei mir scheinbar lebendiger war. Ich weiß nicht, aber es geht doch auch immer darum, sich ein bisschen von sich zu bewahren, doch ich erkannte nichts in ihr. Ich fand nichts mehr vor von der Maria, die ich mal sehr liebte.

Seit diesem Wiedersehen habe ich komplett mit dem Thema Maria abgeschlossen, aber ich erinnere mich gern daran, an dieses Jahr 1989, wo das Heute in kaum vorstellbarer Zukunft lag und in dessen Verlauf es zu großen und kleinen Brüchen von Herzen und anderen Dingen kam.

Und wenn demnächst die Politiker aller Couleur die Feierlichkeiten zum Mauerfall begehen, sollte man vielleicht auch ein wenig daran denken, dass diese Veränderung für manchen einen einem Bombeneinschlag gleichkam, der Lebenswege komplett eine andere Richtung gab.

Und nun: Bässe rein, zugehört, mitgedacht, hier kommt

Ein Lied
Pieere und Luc



Der Himmel war so blau, ein herrlich milder Tag.
Paris im Winterkleid, zu schön, um wahr zu sein.





Ein Schuß zerriß die Luft, der Feind war tief im Land,
Der Krieg im vierten Jahr, die Welt im ersten Brand.





Bombenterror aus der Luft und alle wollten schnell entflieh`n,
abgetaucht im Untergrund, da sah er sie und sie sah ihn.

Pierre und Luce, die wollte doch nur glücklich sein,
Pierre und Luce, der Krieg ließ ihnen keine Zeit.





Explosion und Geschrei, da nahm er angstvoll ihre Hand,
wenig später, alles vorbei, er sah nur noch wie sie entschwand.





Pierre und Luce, die wollte doch nur glücklich sein,
Pierre und Luce, der Krieg ließ ihnen keine Zeit.






Als er sie dann wieder sah, brach sich die Liebe wortreich Bahn.
Beide waren sich so nah, doch Kinder noch, nicht Frau und Mann.





Sie wollten sich erstmals einen, es wurde aber nichts mehr daraus.
Todesvögel warfen ihre Last und eine Bombe, sie traf das Haus.


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Montag, 4. Februar 2008
Danke, dass ihr auf mich gewartet habt (Aus einer Jugend)
Hansen hatte eine Kutsche und weil die allein noch keinen Sinn macht, außer dem des Rostens, hatten Hansens auch ein Pferd, das aber nur so genannt wurde, denn eigentlich war es ein Ponyhengst namens Viktor. Ponys jedoch sind etwas für Mädchen, oder deren Köpfe, weswegen Viktor das Pony war, welches Pferd genannt wurde, denn wir waren und sind: rough guys.
Willste mal mein Pony sehen? klingt irgendwie total daneben, wenn man die fesche Cordula anbaggern will, nicht?

Viktor indes war damals nicht nur alt, sondern wahrscheinlich auch schwul, aber bestimmt von Altersstarrsinn anheim gefallen und hatte - seit wir die Mädchen für uns entdeckten - ein beschauliches Dasein.
Meist verbrachte Viktor seine Tage damit, friedlich auf der Weide zu stehen, dümmlich zu äsen und den Gott einen lieben Mann sein zu lassen. Manchmal, aber ganz selten, bekam er noch ein halbe Erektion und rannte, was ja des Ponys Bestimmung ist, irgendwie, wie blöd über die Wiese. Nach ein paar Minuten stand er dann meist pumpend vor Anstrengung in der Ecke, woraufhin Hansen und icke immer Angst hatten und Hansens Mutter die Hoffnung, dass er tot umfällt, wegen Überanstrengung oder ähnlichem. Auf jeden Fall wäre dies aus kostenkalkulatorischer Sicht ein vorteilhaftes Ableben gewesen, wie Hansens Mutter immer tiefseufzend meinte.

An einem wunderschönen Samstag, das war gleich nach dem Wochenende des verhängnisvollen und für ein Huhn gar tödlichen Unfalls mit einem Luftgewehr, an dem ich bis heute eine schwere Bürde trage, die aber ebenso lange von Hansens Mutter ungewusst und damit ungesühnt blieb und noch weit vor dem Wochenende einer beschaulichen Floßfahrt, die jäh und abrupt mit den Worten:
„Sach mal Hansen, hast du die Querverbindungen vernagelt?“
„Nee, ich dachte du machst das?!“
endete. Beide hatten wir danach etwas Schnupfen, aber wesentlich weniger als Spaß und das ist eine Tatsache.
Wie dem auch sei.

An jenem Tag fiel mein Blick auf diese kleine Kutsche, die in der Garage stand und es überkam mich der drängende Wunsch, mit dieser mal eine Runde zu drehen. Insbesondere Hansen, seinerseits mit der wenig gedankten Aufgabe des Stallausmistens betraut, empfand es als tiefe Genugtuung, dass Viktor nun auch mal ranmusste.

Gedacht, getan, war der stattliche Hengst eingespannt und wir Beiden mit cowboyähnlicher Montur ausgestattet: Hansen trug einen Filzhut seines Opas und als Accessoire einen Knicklader, während ich so einen Mexikanerhut und ne Pisti (umgangssprachlich für: Pistole) an meinem Gürtel trug. Dieses (zugegeben) einfache Ensemble wurde durch unsere totschicken DDR-Sportleggins und Gummistiefeln abgerundet.
So fuhren wir los. Einmal quer durchs Dorf und sehr zur Freude aller anderen …ähm, Kinder?

Egal. Früh schon waren weder Hansen noch mir Dinge fremd, die anderen Mitatmern die Schamesröte ins Gesicht getrieben haben. Ich erinnere da eine schöne Geschichte….lassen wir das, für ein anderes Mal.
Hansen jedenfalls meinte, dass wir doch Saxon-Olli abholen sollten. Dieser hieß so, weil er mit den „Großen“ mithalten wollte, die zu jener Zeit Saxon, ZZ-Top und allerlei anderes Gedröhns hörten und mit solchen Pins an ihren DDR-Jeansjacken es jeden wissen ließen. Olli fand das auch toll, hatte keine Ahnung von der Musik und den Pin, den er trug, hatte er aus Pappe und ner Sicherheitsnadel selber gebastelt. Er wäre bestimmt ein besserer Punk gewesen.

Ich fand aber auch, dass Olli mitmachen sollte, war er doch unser Lieblingsopfer und außerdem in den dramatischen Hühnertot verwickelt, genauso wie er Schuld (durch seine eklatante Sehschwäche) an der Schusswunde trug, die ich im rechten Wadenbein seit dem habe.
So kutschierten wir also zu dem Haus, in dem Olli wohnte.
Cowboys wie wir waren, standen Hansen und ich vor der Tür und erschraken sehr, als Ollis Mutter sie öffnete. Also nicht wegen seiner Mutter, sondern weil diese eine noch viel stärker Brille trug als Olli.
„Guten Tag, Frau XY, wir wollen Olli abholen. Ist er da?“ fragte Hansen mit engelsgleicher Zunge.
„Nee, ich glaube nicht. Der ist bei Hansen.“ antwortete Frau Mama und kam dabei ganz dicht an Hansen ran. Glauben Sie mir, Hansen und icke konnten ein Lachen kaum verkneifen und einen wahren Anfall bekamen wir, als Olli aus dem Hintergrund rief: „Mutter, ich bin doch hier!“

Keine Ahnung was lustiger war, die Tatsache, dass sie Hansen auf einer Entfernung von 50cm nicht erkannte, oder dass sie ihren eigenen Sohn im Wohnzimmer nicht wahrnahm, oder das Olli sie Mutter nannte.
Egal. Wir erklärten Olli, dass wir nun Cowboy und Indianer spielen wollten und ob er nicht Lust hätte, mitzumachen.
„Ich bin aber nicht euer Indianer!“ stellte Olli gleich mal sicher und wir beruhigten ihn dahingehend: „Nee, keine Angst, wir schießen nur auf Rentner.“
Olli grinste.

So fuhren wir aus dem Dorf hinaus, schossen mit Mundgeräuschen wie:“ ÖÖÖÖÖHM und Peng, Peng“ auf alle Rentner denen wir begegneten und jedes Kopfschütteln und Vogelzeigen werteten wir als Honorierung unserer unangepassten Jugend.
Im Wald dann gab es weniger Opfer, dafür aber den „Playboy“, den Ollis Onkel aus dem Westen mitgebracht hatte und „Cabinet“.

Alles hätte so weitegehen können, Rauchen, Tittenhefte lesen und rumpöbeln, wenn Viktor nicht aus heiterem Himmel die Auffassung vertreten hätte, dass nun Schluss sei mit dem Rumgekutsche und einfach stehenblieb. Mitten im Wald verweigerte sich Viktor.

Hansen, der die ganze Zeit über die Zügel hielt, meinte zu mir, ich solle Viktor etwas frisches Gras vor die Nüster halten und wenn er es haben wollte, einfach einen Schritt voran machen.
Das funktionierte nicht.
Ich griff beherzt in die Trense und zog. Auch das half nichts.
Nach all diesen Versuchen meinte Hansen, dass Olli die Kutsche mal schieben solle, denn wenn Viktor von hinten Druck bekäme, müsste er ja laufen.
Also schob Olli die Kuschte, während ich vorne zog, als plötzlich und genauso unangekündigt, Viktor seine berühmten 5 Minuten bekam und wie angestochen losgaloppierte.

Ich schaffte es gerade so auf den Kutschbock zu springen und sah, wie erst Ollis Cowboyhut wegflog, dann einer seiner Gummistiefel und ganz zum Schluss verabschiedete sich Olli komplett und flog in den Dreck, was sehr zum Nachteil für seine Brille war.
Hansen rief während der gesamten Zeit immer: “Wahnsinn, was der alte Gaul noch für ein Speed drauf hat!“ und johlte vor Freude.
Ich stattdessen rief: „Halt an! Wir haben Olli verloren!“
Hansen tat es. Glauben Sie mir, Hansen war sehr enttäuscht, dass er die Geschwindigkeit nicht auskosten konnte und ich mit. Aber heh, wir hatten einen Kumpel verloren, oder?
Wir blieben dort stehen und warteten auf Olli, der sehr mürrisch gehumpelt kam. Er war furchtbar betrübt wegen seiner Brille, die wohl sehr teuer oder schwer zu besorgen war, damals im Osten. Mehr aber, und das ist kein Scherz, hat er sich darüber gefreut, dass wir auf ihn warteten.
„Ich hätte gewettet, ihr würdet ohne mich nach Hause fahren.“
„Wären wir auch, wenn der alte Klepper nicht wieder zusammengebrochen wäre“, sagte ich und knuffte Olli grinsend an den Arm.
„Ihr Zwei seid solche Spackenköppe.“
„Stimmt. Willste noch ne Zigarette?“

Wollte er. Merkwürdig genug ging es ohne große Zwischenfälle nach Hause.

Nachdem Viktor befreit und die Kutsche wieder in der Garage verstaut waren, holten sich drei schmutzige Cowboys im 10 Liter Zinkeimer Bier aus der Dorfkneipe. Sie schöpften es mit Marmeladengläsern und saßen gemeinsam auf einer Mauer, während sich bereits die Nacht übers Dorf ausbreitete.
„Geile Geschichte.“ meinte Hansen und nahm einen tiefen Zug.
„Ja.“ antwortete ich und
„Danke, dass ihr auf mich gewartet habt“, sagte Olli, der danach ein anderer wurde….


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Mittwoch, 7. Juni 2006
Fragen Sie nicht, wir wollen nichts
„Guten Tag.” begrüßte und uns die Verkäuferin.
„Guten Tag.” antworteten Hansen und ich im Chor.
„Sie kommen zurecht?“
„Ich denke schon.“ sagte ich freundlich zu ihr, denn eigentlich hingen wir nur ab und warteten auf Siggi. Der holte seine Sachen aus der Reinigung und danach wollten wir noch zum Türken.
„Wenn Sie Hilfe brauchen sagen Sie einfach bescheid, ja?“
„Machen wir.“ Zwinkerte ich ihr zu.
Die Verkäuferin war nicht mehr die Jüngste aber auf gar keinen Fall hässlich. Ihr enges Kostüm stand ihr ausgezeichnet und darunter zeichnete sich ein fantastischer Körper ab.
„ She’s hot.“ hatte Hansen seine amerikanische Phase, aber nicht unrecht mit dem was er sagte. Mir persönlich waren ja Gesichter wichtiger, aber auch da konnte sie punkten. Ihres war sehr schön geschnitten.
„Ist Dir schon mal aufgefallen, dass sie in diesen Nobelschuppen auch immer nur Nobeltanten stehen haben?“ fragte er mich.
„Klar“, antwortete ich ihm, „würde mich nicht wundern, wenn man die beim Ladenbauer gleich mitbestellen kann. Das Auge kauft halt mit. Ladenbaukonzepte, da passt alles zusammen, verstehste? Die versprühen auch Parfüme und so Quatsch. Alles nur damit wir was kaufen.“
„Right my dear, Schuhkaufparfüm, das hätte ich gern mal.“
„Häh?“
Wir schauten uns ein wenig um, durchwanderten die einzelnen Regale und stellten erstaunt fest, dass es keine Schuhe unter 500,- DM gab.
„Na, schon was passendes gefunden?“ tauchte die schicke Schuhfrau hinter uns auf und als sie so dicht bei uns stand, merkte ich, das sie wunderbar roch; das ging direkt in die Hose.
„Ja. Ob Sie mir wohl dieses Paar auch in 43 holen könnten?“ Hansen zeigte auf ein Paar von BOSS für 420,- DM.
„Gern.“ Lächelnd verschwand die gute Frau und ließ uns in ihrem Duft stehen.
„Was soll das denn? Du willst Dir doch noch wirklich diese Treter kaufen?“
„Nee.“ feixte Hansen „das ist das Schuhkaufparfüm.“
„Das sind aber wirklich ein paar schöne Schuhe, die Sie sich da ausgesucht haben.“ sagte die Verkäuferin, als sie fröhlich strahlend zurückkam.
„Sollen die denn für einen bestimmten Anlass sein?“
„Nee, “ sagte Hansen, „nur für die Arbeit.“
Er probierte das Paar an, ging federnden Schrittes im Laden auf und ab, beäugte unter allen möglich Verrenkungen die Schuhe im Spiegel, hielt sich den linken Schuh direkt vor die Nase, fragte mich, ich zuckte mit den Schultern und dann sagte er: “Ich glaube, die sind es noch nicht. Haben Sie auch die da in meiner Größe?“ und dabei zeigt er auf ein Paar Lloyds.
„Selbstverständlich, ich hole Sie ihnen eben.“
Nach einer Weile kam die schmucke Frau mit dem ebenfalls schmucken Schuhkarton unterm Arm zurück und hatte dabei einen Gesichtsausdruck, als gäbe es für sie nichts schöneres, als Schuhe zu verkaufen. Alles war so positiv, so toll.
„Was machen Sie denn beruflich so?“ fragte sie Hansen und packte nebenbei die Lloyds Schuhe aus.
„Ich bin Maurer.“ antwortete der und schaute ihr dabei so ernst in die Augen, dass selbst ich es beinahe geglaubt hätte.


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Montag, 8. Mai 2006
Die Nacht, in der ich erwachsen wurde oder Was hätte Buk gesagt?


Platterregen ging auf die Stadt nieder, dass man sich wundern konnte, wo all das Wasser herkam. Hansen und Siggi hatten sich schon vor einer Stunde verdrückt und nun saß ich allein in der Kneipe ohne Namen und wollte nur noch mein Bier austrinken.
„Cabman, ich will gleich Feierabend machen und absperren.“ sagte die dicke Elke und polierte dabei eines der letzten Gläser.
„Kein Thema Elke, ich wollte sowieso los. Ich dachte nur, dass es vielleicht noch aufhören würde zu regnen.“
„Ja, ist wirklich eine Sauwetter, bei dem man kein Hund vor die Tür jagen würde.“ Und als ihr zwei Sekunden später auffiel, das sie mich gerade gebeten hatte zu gehen, schob sie hinterher: “Wenn du willst kannst Du ja noch mit zu mir kommen. Ich wohne gleich in der Nähe.“
Sie sagte das so beiläufig, dass ich mir nichts dabei dachte und einwilligte.
Keine fünf Minuten später liefen wir durch den Regen und genauso lange dauerte es auch, bis ich klatschnass war: „Das ist eine Scheiß-Sintflut, ich frage mich wann das mal aufhört.“
„Hab Dich nicht so Cabman, wir sind ja gleich da.“ meinte Elke und tatsächlich war gleich auch gleich und keine Stunde, wie bei Cordi oder all den anderen Frauen, mit denen ich so zusammen war.
Elkes Wohnung war ziemlich klein und das nicht nur weil Elke so groß war, sondern weil sie nur zwei Zimmer hatte.
Ich hatte keine Ahnung, wie alt Elke war, mindestens 30 dachte ich immer, aber als ich die Poster und all den anderen Klein-Mädchen-Scheiss sah, war ich mir da nicht mehr so sicher.
„Und? Wie findest Du es?“ fragte sie auch prompt.
„Mensch Du, schön hast Du es hier. So gemütlich.“ log ich, ohne Rot zu werden.
„Hab ich selber eingerichtet. Es ist nichts besonderes, aber es ist genauso, wie ich es haben will.“
Da hatte sie immerhin mehr, als ich von mir behaupten konnte, und zum ersten Mal begann ich, Elke mit anderen Augen zu sehen. Sie war ein herzensguter Mensch, dick, aber herzensgut!
„Ich geh nur schnell ins Bad mich abtrocknen. Du kannst ja ein bisschen Musik aussuchen, ich komm dann gleich.“
„Mach ich.“
Zwischen den ca. tausend CDs war keine einzige, die ich hätte hören wollen. Michael Jackson, Kuschelrock und Chris Rea, für den ich mich dann auch entschied.
„Ich habe Dir ein Handtuch hingelegt, falls Du Dich auch abtrocknen willst.“ sagte Elke, die so unvermittelt im Raum stand, dass ich mich kurz erschrak.
„Ja will ich, danke!“
Das Badezimmer war klein und funktional. WC, Dusche, Waschbecken und Alibert. Das ganze war im farbenfrohen Grün der siebziger Jahre gehalten; ich fühlte mich wie bei meiner Oma. Das Handtuch roch allerdings frisch und überhaupt war alles furchtbar sauber.
Als ich wieder in das Wohnzimmer kam, hatte Elke sich bereits umgezogen und saß mit einem Glas Wein in der Hand auf der Couch. Vor ihr auf dem Tisch stand eine Flasche Bier, die ganz offensichtlich für mich war.
„Setz Dich zu mir.“ forderte sie mich auf und klopfte dabei zweimal mit der Hand auf den Platz neben sich.
So pflanzte ich mich direkt neben sie und nahm eine tiefen Schluck aus der Pulle.
„Oh, entschuldige bitte“, sagte ich zu ihr und wischte mir dabei den Schaum vom Mund, „ich wollte nicht unhöflich sein, aber ich war sehr durstig.“ Ich war kein Stück durstig, nur nervös, denn ich wusste nicht, was ich von der ganzen Situation halten sollte.
Während ich zu bereuen begann, überhaupt hergekommen zu sein, beugte sich Elke zu mir, und sagte grinsend: „Aber macht doch nichts, dass kannst Du gleich wieder gut machen.“ und dann gab sie mir einen Kuss.
Sie konnte das so gut und ihre Zunge war so flink, dass ich mich nicht wehrte, nicht wehren konnte, sondern nur genoss und zwar eine ganze Weile. Ich wurde immer erregter und irgendwann schob ich meine Hand unter ihren Pulli und versuchte ihr Brüste zu streicheln. Die Dinger waren so riesig, dass mir, außer ein bisschen drauf rumdrücken, nicht viel gelang. Es reichte aber, um Elke richtig in Fahrt zu bringen.
Natürlich landeten wir in ihrem Bett. Die Pritsche war so klein, das man zu zweit sowieso nur übereinander liegen konnte. So lag sie also unter mir, und ich steckte ihr mein Ding vermutlich rein, denn ich merkte gar nichts. Dafür stöhnte Elke umso mehr und das war ja ein gutes Zeichen.
Ich versuchte alle Tricks, aber nachdem sie aufgehört hatte mich zu küssen, war es für mich reichlich schwer, einen Ständer zu behalten, denn da war rein gar nichts.
Ich rackerte mich redlich an diesem Fleischberg ab, und ihr schien es auch zu gefallen. Sie keuchte und stöhnte unter mir und wurde dabei immer lauter. Jeder meiner Stöße löste ein kleines Erdbeben in ihren Fettmassen aus, Luft entwich mit dramatischen Geräuschen und ihre dicken Brüste schwabbelten hin und her. Und dann, völlig untypisch für mich, stellte ich das ganze in Frage. Was tat ich da eigentlich? Und als dieser kleine Gedanke gedacht war, ging gar nichts mehr. Ich hörte auf, zog den Rest Erektion aus ihr, setzte mich auf die Bettkante und zündete eine Zigarette an.
„Ist was nicht in Ordnung?“ fragte Elke, so, als hätte sie damit gerechnet, dass so etwas passieren würde.
„Nee, alles ok. Es liegt auch nicht an Dir.“ und das war noch nicht mal gelogen, weil es sonst nämlich immer egal war, wie die Frau aussah, oder welche Musik sie hörte. Fick war Fick.
„Was hast Du denn?“ und dabei richtet sie sich halb auf und begann mir den Nacken zu graulen, was mir gut gefiel und gleichzeitig das Gefühl vermittelte, ich wäre das größte Schwein im Universum; sie war so lieb.
„Ach weißt Du,“ begann ich, doch unvermittelt und ungewollt, brach sich der Mist, der sich Leben nannte, seine Bahn: Ich musste an meine Mutter denken, die keine schlecht Frau war; an Elke, die herzensgut war; an meinen Vater, der trotz allem mein Vater blieb; an die Uni, wo es nicht gut lief, genauso wenig wie mit Cordi; an meinen kleinen Scheiß Job, den ich hasste, aber zum Überleben brauchte und Peter, meinen Kater, der nun, nach 16 Jahren, einfach so starb; an diesen grossen Topf Scheisse, der sich langsam und unaufhörlich über mir zu entleeren schien und dann gab es kein Halten mehr und ich heulte los, laut und bitterlich. Zuerst war ich über mich selbst überrascht und sauer auf Elke, dass sie all dies mit ihrer liebevollen Art provoziert hatte. Aber als sie meinen Kopf an ihre Brust drückte, die, an der ich eben noch genuckelt hatte, mir dabei den Kopf streichelt und mich tröstete, fand ich so etwas wie Frieden und Geborgenheit, und ich heulte mich in den Schlaf.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Elke schon weg. Ich fand in der Küche einen Zettel, auf dem stand, ich solle mir keine Sorgen machen, was geschehen ist, bliebe unser Geheimnis und ich solle die Tür nur zuziehen.
Das tat ich dann auch und als ich so durch die frisch riechenden, regennassen Strassen schlenderte fühlte ich mich seltsam: gereinigt, frei, stark bereit für etwas anderes. Was das sein sollte wusste ich auch, aber ich trug eine unbändige Energie in mir, die bis heute anhält.

Elke und ich wurden sozusagen, richtig dicke Kumpel. Mit den Jungs verabredete ich, dass wir Elke von nun an mit ihrem richtigen Namen ansprechen würden, denn ich fand, sie war eine wirkliche Sissi. Auch wenn man es ihr nicht ansah.


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Dienstag, 25. April 2006
Uelzen, Uschi und ein Mercedes 600
Hansen, Siggi und ich waren mal in Uelzen und zwar in einer Disco. Wie die hieß fällt mir grade nicht ein, macht aber nichts, weil der, der sich in Uelzen auskennt, vermutlich sowieso weiß wo wir waren. SO groß ist Uelzen ja nicht.
Sollte jemand nicht wissen was, oder wo Uelzen ist, erkläre ich das gern mal kurz in zwei Sätzen: In Uelzen sind zur Erntezeit immer(!) die Strassen durch die vielen Rübentrecker verstopft und dort werden auch die schicken Leitz-Ordner gefertigt, was nicht weiter wundert, weil ja die ganzen Rübenab- und einlieferungsbelege auch abgeheftet werden müssen. Huch, nun ist es nur ein Satz geworden. Da können wir aber nachlegen:
In der FAZ gab es einen Artikel, geschrieben von einem Redakteur, der unbeabsichtigt und unverschuldet in Uelzen notwassern musste (richtig, die Bahn fiel aus), mit folgender Überschrift:
Niemand fährt gern nach Uelzen. Niemand!

Das sagt schon alles, und wenn so etwas in der FAZ steht, muss was Wahres dran sein. Und nun weiter zur Story.

Wir waren also in Uelzen und das sogar freiwillig. Und wo ich so über Uelzen schwadroniere, fällt mir auch gerade wieder ein, wie die Disco hieß: Galerie.
Die Galerie war ein schmucker Schnellbaukasten am Rande der Stadt. Wir bekamen beim Reingehen so einen Stempel, der im schwarzlichtausgeleuchteten Eingang vor sich hinstrahlte. Das war total avantgardistisch und peinlich, wenn man zu Schuppen neigte.
Einmal drinnen wussten wir auch gleich, warum man uns beim einchecken so skeptisch beäugte: Unsere Anwesenheit störte doch empfindlich das diffizile Mengengelage zwischen den Russlanddeutschen und den Rübenbauern, was uns aber nicht störte, denn unter solchen Vorraussetzungen war Uelzen überall und da haben wir uns schon an ganz, ganz anderen Stätten verlustiert.
Im „Haupttrackt“ gab es eine kleine Tanzfläche und eine noch viel kleinere Galerie; oh wie passend, denkt jetzt der eine und der andere wundert sich, hatte die ganze Chose nicht denselben Namen? Stimmt! Und weiter geht’s:

Die Tanzfläche war voll mit Mädchen und Buben der Generation D-Trance 1-3234, die im Stakkato von ungefähr 5000bpm synchron zappelten und wir machten es uns erstmal an der Bar gemütlich. Dort versah ein androgynes Wesen seinen Dienst, das dammich noch eins lasziv und sexy war. Hätte ich mit Sicherheit gewusst, dass das Wesen ein weibliches war, hätte ich es bestimmt angemacht. So bestellte ich aber nur drei Hefe für uns.
Wir schauten uns das ganze Treiben von unseren Barhockern aus an, registrierten die Messer im Blick der Russlanddeutschen, genauso wie die der Bauern und Stiernacken und prosteten allen freundlichen zu, was die aber kein Stück zu würdigen wussten. (Ermahnender Einschub vom Autor: Lieber Uelzener und Zugereiste, seid nett zu Fremden, die frisches Geld in eurer kleine inzestuöse Stadt bringen, in Zeiten der Globalisierung zählt jeder Cent.)
Irgendwann unterbrach der Plattenjockey die ganze Schau und bat alle unter sechzehn Jahren, das Lokal zu verlassen, und das war sie dann auch, die Tanzfläche.
Wie zur Belohnung, so lange ausgeharrt zu haben, erklangen ganz neue Töne: Midnight Oil, ACDC und U2, die alten Öko–Stinker-Pazifisten- Zausel, die ich nicht leiden konnte, weil sie Heike, dass Mädchen auf das ich mal scharf war, mit dem ganzen New-Hippie-Scheiss ansteckten und die, die Marotte entwickelte, Räucherstäbchen bei unseren Treffen anzuzünden, von denen mir immer schlecht und aus der Beziehung dann auch nichts wurde, aber das ist eine ganz andere Geschichte, die ich irgendwann mal hier erzählen werde. (Einschub vom Autor: Meine Ex-Deutschlehrerin hätte sich bei diesem Satz nass gemacht)

Und weiter geht’s, denn wir haben noch viel vor:

Irgendeiner Eingebung folgend, ich glaube es war die Siggis, spielte der Plattenjongleur die, na? Ne Ahnung? Richtig, The Smiths. Und weil ich a.) deren Musik total dufte finde und b.) ein außerordentlich guter Tänzer bin und c.) die Kombination aus a+b es zwingend erforderlich macht, sich rhythmisch zu bewegen, sobald deren Hymnen erklingen, war ich hux flux auf der Tanzfläche und zwar mit Siggi, der immer nur mit Hansen oder mir tanzte.
The Smiths mochte ich ja schon immer. Deren Sänger, der Morrissey (hat gerade eine neue Solo CD draussen) ist ein charismatisches Bürschchen und böse Zungen behaupten ja (Achtung Bildungsteil, dauert aber nicht lange, versprochen), die waren nur so erfolgreich wegen, na? Richtig, dem Morissey. Da ist aber Quatsch, ich glaube nämlich das hängt mit Manschester zusammen, der Stadt aus der die kamen, genau wie die von mir hoch verehrten Herren Joy Division oder, aus neueren Tagen, Oasis, die mit Whats the morning glory eine ganz, ganz zauberhafte Scheibe raus brachten, aber mit Liam einen Riesenarsch als Frontmann haben, den ich noch viel doofer fand, seit ich las, dass er mal was mit der kleinen putzigen Patsy Kensit hatte. In die hatte ich mich doch verliebt, genauso wie in Pia Lund und aus Manchester kommt noch viel mehr tolle Musik.

So, einmal durchatmen, ist ja gleich geschafft und weiter geht’s:

Siggi und ich tanzten also zu den Smiths und das war beim Song There is a light that never goes out und vier Hefe nicht so einfach. Aber heh, ich bin der Cabman, und ich tanzte zu diesen Songs schon mein ganzes junges Leben, das war sozusagen einstudiert. Wir haben wohl auch sehr beeindruckend ausgesehen, denn wie in allerschlimmsten Klassenausflugsdiscothekszenarien, hatte sich ein mitklatschender Kreis (wirklich!) um uns gebildet. Ließen wir uns davon stören? Kein Stück. Der Zeremonienmeister war wohl auch beeindruckt, denn er spielte, sehr zu unserer Freude, This Charming Man hinterher und da ging es dann richtig ab.
Danach folgte nur der übliche Brit-Pop Kram, ein bisschen Fury in the Slaughterhouse, nichts, was animierte weiterzutanzen. Siggi und ich gingen zurück zur Bar und zischten ein Hefe.
Dort zogen wir gerade Hansen auf, der total sauer war, weil er fahren musste und somit nichts trinken konnte, als, und nun halte sich der geneigt Leser fest, denn das ist kein Scherz, ein kleine, sehr dralle und sehr toupierte Blondine auf uns zukam und tatsächlich sagte, sie würde Uschi heißen, und wäre das nicht schon des Lachens genug, war sie auch noch Friseurmeisterin mit eigenem Salon.(Realsatire? Was glauben denn Sie, wie wir uns beömmelt haben?) Hansen und Siggi lagen bereits unter den Hockern, aber ich war sehr beeindruckt, dass sie sich von den Beiden kein bisschen irritieren lies. Ich fragte dann auch, (ja, der Cabman ist Kavalier) ob sie ein Hefe habe wollte. Wollte sie nicht, da ihr Magen das nicht vertrage und Siggi sagte, dass er auch immer vom Hefe furzen müsste und nur um das zu bestätigen, prasselte er auch einen ab. Hansen und ich krümmten uns vor Lachen, aber die Lütte war nicht aus der Fassung zu bringen.
Da sie eindeutig an mir interessiert war, (Einschub vom Autor: So etwas merkt man mit der Zeit) weil sie fand, dass ich gut tanzen könne, fragte ich sie ob sie schon mal einen 600er Mercedes (wie wir an den kamen und warum wir überhaupt in Uelzen waren, ist eine ganz andere Geschichte) gesehen hätte. Hatte sie nicht und Sex im Auto hatte sie auch noch nicht und dann gab es für beides eine Premiere. Und ich kann hier und heute versichern, dass Uschi wusste was sie tat (euer Ehren), die konnte sich bewegen, aber ehrlich! Und damit wäre auch bewiesen, wenn Mann tanzen kann, geht alles leichter, denn die rhythmischen Hüftbewegungen (Der Autor empfiehlt: Smooth und sleazy müssen sie sein!) signalisieren dem paarungswilligen Weibchen: ich bin hier, jung und gesund und würdig, der Vater deiner Nachkommen zu werden, und dann setzt ein biologischer Effekt ein, dem keine Frau widersteht. Man schaue sich nur den Siggi an.
Wir fuhren dann nach Hause, gen Norden. Hansen spielte die ganze Zeit über Joy Divisions Heart and Soul (Autorepeat). Siggi und ich glaubten ja, dass er sich in das Wesen von der Bar verliebt hatte, nur gefragt hätten wir ihn das nie und dann schlief ich ein.


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Montag, 24. April 2006
Der Fall Jesus
Hansen, Siggi und ich saßen in der Kneipe ohne Namen. Diesmal gab es aber etwas zu feiern: Siggi hatte den Führerschein bestanden.
Da saßen wir nun in unsere Stammecke, schwiegen uns ausgelassen an und schauten der fetten Elke zu, wie sie unser Bier zapfte. Eigentlich war der Führerschein nur eine Entschuldigung wieder hier zu sein und eigentlich hieß Elke Cecilia.
„Freunde dürfen aber Sissi zu mir sagen.“, was wir aus ersichtlichem Grund nicht taten und sie kurzer Hand Elke tauften. Elke, formerly known as Sissi, kannte Die Ärzte nicht und damit war das kein Problem.
„Ich finde das völlig daneben, dass ihr hier keine Löffel in den Nussschalen habt. Da grabscht jeder rein, das ist so eklig.“ motzte ich Elke an, weil ich es wirklich eklig fand.
„Die sind ja nur für euch“, wehrte sie sich, „die anderen Gäste bekommen keine!“
Und tatsächlich, als ich mich umschaute, hatten nur wir Nüsschen auf dem Tisch stehen.
„Sind wir jetzt Stammgäste?“ krähte Siggi.
„Ihr seid die einzigen Gäste.“ und dabei stellte sie die Biere vor unsere Nasen und schmunzelte, dass einem warm ums Herz werden konnte. Wurde es aber nicht, weil Möhn zur Tür reingestürmt kam und rumbrüllte, dass der Jesus sich umbringen will und wir nun gefälligst mitzukommen hätten.
Möhn war so einer, den man ab und an sah, wenig mit ihm redete und schon mal überhaupt nicht kannte.
Der Jesus hingegen hiess Jan und war einer unserer besten Kumpels, so zwei Meter groß, hatte lange blonde Haare, war schweigsam wie ein Grab und unsterblich in Gülnaz verliebt. Diese wurde mit 18 von einem grauen Wolf geschwängert, was Jesus total aus der Bahn und uns rein in diese Geschichte warf.
Jesus Leben bestand daraus, mit den Türken abzuhängen, Bobpartys zu feiern, zu skaten, zu kiffen und - - : Tja, nichts weiter. Das war es.
„Also Möhn, setz Dich erstmal und trink ein Bier.“ beschwichtigte Siggi den Neuankömmling.
„Nein!“ schrie der, „Jesus will von der Brücke springen! Nun kommt schon.“ dabei wandte sich Möhn wieder zur Tür und eilte hinaus.
„Was für eine Brücke?“ wunderte Hansen sich, genauso wie ich.
„Sag mal Elke, kannst Du das Bier kaltstellen?“ fragte Siggie, als er sich anschickte, Möhn zu folgen.
„Klar Jungs, mach ich doch.“ kam es prompt von Elke zurück.
Beim Rausgehen fragte ich Siggi, was das denn sollte, das Bier kaltstellen?? So ein Quatsch! Das war doch eh schal, wenn wir zurückkommen würden, wobei die Betonung auf wenn lag.
„So was Cooles wollte ich aber schon immer mal sagen. Kam gut, oder?“
„War super und nun lasst uns mal los!“ sagte Hansen und dann folgten wir alle Möhn.

Draußen regnete es. Schon wieder oder immer noch, wer wusste das schon, denn in meinem Leben regnet es ja immer irgendwie und die Brücke war eine Mauer, nämlich das Stück, das die Zeit von der historischen Stadtmauer übrig gelassen hat. Auf ihr saß Mahzun, und neben ihm, stehend, mit freiem Oberkörper und völlig entrückt - Jesus.
Mahzun war ein Kumpel von Jesus und eine Art Antitürke, denn er machte all das, was er nicht durfte, genau wie Jesus, nur mit anderem religiös- kulturellen Hintergrund und das machte die Sachen noch viel schlimmer.
„Mann, die sind ja total stoned!“ stöhnte Siggi. ”Wie sollen wir die von da oben runterholen?“
„Misch hold keine von eusch eine runder!“ radebrach Mahzun und verfiel in einen kiffertypischen Kicheranfall. Beide hatten sich richtig die Birne zugeknallt.
„Jesus?“ - Hansen versuchte Kontakt aufzunehmen.
„ Eh, Jesus?!“ - Keine Reaktion.
Jesus stand einfach nur da oben, starrte irgendetwas in der Ferne an und reagierte überhaupt nicht. Seine Haare klebten ihm im Gesicht, sein Hemd hatte er sich um die Hüfte geknotet und im Schein der Straßenlaterne sah er aus wie - - Jesus.
„Man sind die breit.“ stöhnte Siggi ein zweites Mal, als plötzlich und wie auf ein Zeichen, Jesus zu tanzen begann. Musik gab es keine, aber leise, ganz leise sang er:

„Don’t worry about a thing
Cause every little thing gonna be alright
Singin, Don’t worry about a thing
Cause every little thing gonna be alright…”

Das war Bob Marley! Das wusste ich genau, denn ich hatte mit Jesus schon auf vielen, von ihm gestartete, Bobpartys gefeiert.
„Jesus, hast Du Bock auf ne Bobfeier?“ rief ich mit aufkeimender Hoffnung in der Stimme. Vielleicht war das der Weg, ihn von da oben runter zu holen. Doch zu unser aller Überraschung und mit einemmal, drehte sich Jesus zornigen Blickes zu mir, zeigte mit den Fingern auf mich und schrie: „In your face, In your face“, immer und immer wieder und Kicher- Mahzun stimmte ein.
„Oh Man, das wird ja immer bekloppter.“ nörgelte Siggi „Gleich kommen die Bullen und dann ist die Kacke am Dampfen, erklären können wir das auch nicht und…“
Weiter kam er nicht, weil Jesus nämlich von der Mauer fiel, leider auf deren andere Seite.
„Na toll, wie sollen wir den jetzt finden?“ fragte Möhn.
„In dem wir ihn suchen.“ ätzte wir ihn im Chor an.

Schließlich fanden wir ihn. Er hatte sich an diesem Tag beide Arme gebrochen und ein Herz dazu, denn wie er später im Krankhaus erzählte, musste Gülnaz zurück in die Türkei. Deswegen hatte er sich so weggeballert und das war, wie wir einstimmig befanden, ein guter Grund sich mal auszuklinken.
Gülnaz hat er nie mehr wieder gesehen, Mahzun schon und Dank seiner besten Freunde, konnte er auch mit zwei gegipsten Armen kiffen und dann feierten wir die größte Bobparty, die die Welt je gesehen hat.

Am 24. April 2004 ist Jan gestorben. Das ist für Dich Alter, in memories…


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Donnerstag, 20. April 2006
Kneipenfische
Siggi und ich saßen in der Kneipe. Siggi ist ein Pfundskerl. Der Typ, bei dem es aussieht als würde er einen Kleinwagen anziehen statt einzusteigen, so 120-130Kilo schwer.
Ich weiß gar nicht wie die Kneipe hieß, aber auf jeden Fall ist es die, in der wir schon oft versackten. Was es zu feiern gab? Weiß ich auch nicht.
Die Dame an der Bar, übrigens die einzige Frau, die ich je mit voKuhiLa- Frisur gesehen habe, war so fett und hässlich, das man schon allein deswegen trinken musste. „Schlauer Zug vom Wirt.“ dröhnte ich Siggi voll und der lachte laut und hemmungslos, was die dicke Zapfbrumme als Aufforderung sah, sich zu uns zu gesellen. Nicht weiter komisch, waren wir doch die einzigen Gäste.
„Na, was ist denn hier so lustig, Jungs?“ kumpelte sie uns an.
„Dein Chef ist ein kluger Mann.“ prustete Siggi raus.
„Kennt ihr ihn?“
„Klar, ist doch hier unsere Stammkneipe.“
„Ist ein dufter Typ, vielleicht ein bisschen pingelig, aber ein guter Mensch.“ sagte sie.
„Ja und tierlieb.“ lachte ich los und Siggi kriegte sich gar nicht mehr ein.
Der Zapfgnubbel wusste damit nichts anzufangen und verdrückte sich wieder an die Spüle, um die Gläser dort ein viertes Mal zu spülen.
„Schon komisch Cabman, hier im Umkreis gibt es tausend Kneipen, die alle überfüllt sind. Und da wo wir sind, ist nichts los.“
„Bullshit! Hier ist nur nichts los, weil es so exklusiv ist! Ist doch toll hier. Schön ruhig, behaglich und mit Exklusivservice.“ sprach ich und langte ins Erdnussschälchen.
In diesem Moment ging die Tür auf und Hansen kam rein.
„Wusste ich doch, dass ich euch hier finde.“ kam es fast anklagend von ihm.
„Woher wusstest Du das?“ wollte ich von ihm wissen.
„Deine Mutter hat gesagt, dass Du mit Siggi los bist. Das konnte nur Zechtour bedeuten.“
„Was soll das denn heißen?“ echauffierte sich Siggi.
„Nichts weiter, außer das Du jedes Mal, wenn du mit Cabman losziehst hier endest.“
„Ach so.“ sagte Siggi und „Na dann Prost.“ sagte ich.
„Schöne Frau, bitte ein Bier für die trockene Kehle eines Wandermanns.“ flirtete Hansen die Dicke an.
„Kommt sofort.“ flötete die zurück.
Ich fand das schon eigenartig, aber Hansen machte alles an, was nur im Entferntesten weiblich und paarungsfähig war, kam aber auch mit Abstand am häufigsten zum Zug.
„Drüben in der “Eule“ sind die anderen, auch Cordi. Wir sollten nach dem Bier rüber gehen.“ sprach Hansen.
„Nö lass mal. Da gibt es keine Exklusivservice und keine Fische und außerdem ist es da viel zu voll.“ sagte ich.
„Was für Fische?!“ fragte Siggi.
„Na die Wale.“ antwortete ich ihm, deutete auf die Dicke und wir beide gerieten in einen gehörigen Lachanfall.


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Mittwoch, 19. April 2006
Fast ein Dreier


Wie ich auf diese Seite der Strasse kam weiß ich eigentlich nicht. Eben stand ich noch da drüben am Eingang der Dorfdisco. Im linken Arm hatte ich Jana, im Rechten Katja. Wir hatten uns richtig einen gegeben mit Cola-Whisky und knutschten hemmungslos mit- und durcheinander.
„Du sabberst!“ meinte Katja und ich dachte mir: Na und? Was meinst Du, was Du Dir zurecht speicheln würdest, bei einer solchen Dauerstimmulanz?
„Nee, das ist der Regen.“ sagte ich. Eigentlich regnete es gar nicht. Es war mehr ein Nieseln. Das reichte aber aus, um Janas Bluse durchsichtig werden zu lassen.
„Cabman, du alte Wildsau“ empörte sich künstlich Tobi, der sich an uns vorbei in die Disco schob. Ich wollte ihm noch irgendetwas Witziges hinterher rufen, ließ es aber, weil mir nichts einfiel.
Als ich mich wieder umdrehte, um noch ein bisschen zu knutschen, stand eine Horde Rocker vor mir. Also noch nicht so richtig ausgewachsene, aber immerhin schon mit Lederhosen, langen Haaren und dem ganzen Primborium.
Ihr Anführer, leicht daran zu erkennen, dass er als einziger so ein absolut albernes Oberlippenbärtchen trug, macht einen Schritt auf uns zu:
„Was haben wir denn hier, ein Gruftischwein mit zwei heißen Dingern. Hört mal Mädels, wenn ihr mal einen richtigen Kerl wollt, solltet ihr jetzt mit uns rein kommen.“
Na ja, was soll ich sagen? Da ich erstens ein Gentlemen und zweitens angstfrei bin, konnte ich das so natürlich nicht akzeptieren. Ich löste mich von Katja und Jana, machte einen wackeligen Schritt auf Bärtchen zu und fragte höflich, was denn sein Problem wäre. Und dann ging der ganze Ärger los und meine Lichter aus.
Und nun stand ich also hier. Vor mir der Hordenchef, der mit hämischer Fresse fragte, ob ich endlich genug hätte. Hatte ich, würde ich aber nie zugeben! Mir tat alles weh. Wirklich alles, Schienbein, Rippen, Magen, Gesicht, einfach alles. Ich sah an mir runter. Meine Hose war völlig durchnässt und dreckig. Mein Pullover war am Kragen zerrissen und mein einst weißes Hemd hatte irgendwie eine andere Farbe angenommen. Ich blutete aus der Nase, meine Lippen waren zerschlagen und geschwollen, die Augen sowieso. Zwischenzeitlich hatte sich eine Schar Schaulustiger um uns versammelt. Ich konnte aber keine Gesichter erkennen. Alle verschwammen zu einer undefinierbaren einheitlichen Masse. Vereinzelt hörte ich Stimmen. Einige von ihnen forderten, ihn endlich fertig zu machen, wobei ich ja schon fertig war. Na schön, dachte ich mir. Konzentrier Dich. Ich erinnerte mich, dass Ingo, der erfahrene Dorfschläger, mal gesagt hatte, man solle den dritten Hemdknopf von oben abzählen und auf diese Stelle schlagen. Da sitzt der Solar Plexus und wenn man den trifft, geht jeder in die Knie. Das Problem war nur, das Bärtchen kein Hemd anhatte. “Aber wenigstens ne Jeansweste“, dachte ich mir und holte aus. `Und leg Deinen Körper rein`, hörte ich noch meinen Exvater sagen und dann explodierten mein Kinn und vor meinem inneren Auge tausend silberne Sterne und dann war plötzlich schlagartig Stille. Es war sehr still und sehr behaglich.
Als ich meine Augen wieder aufmachte, blickte ich auf eine Granitwand, die sich als Bordsteinkante herausstellte. Ich lag auf der Strasse und umarmte den Gehweg. Der Nieselregen war in Dauerregen übergegangen. Ich lag in einem Sturzbach abfließenden Regenwassers und neben mir hockte Jana. „Schön, dass Du noch da bist“, freute ich mich ehrlich, sie zu sehen. „Das war total süß von Dir, dass Du unsere Ehre so verteidigt hast.“ Und damit beugte sie sich zu mir und strich mir die Haare aus dem Gesicht. „Jederzeit wieder.“ stammelte ich, nicht wegen der Schmerzen, sondern wegen des Gefühls, dass mich mit einmal für Jana überrollte. Ich fühlte mich wirklich gut.
Dann kamen irgendwann die Jungs, die das irgendwie ja gar nicht mitbekommen hätten, dann kamen der Bus und mit ihm die lange Zeit der Genesung. Natürlich mit liebevoller Pflege von Jana;-)


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Dienstag, 18. April 2006
Als ich das Rauchen unterbrach
”Kannst du vielleicht ein bisschen langsamer fahren?” Hansen bemühte sich gar nicht erst den Schlaglöchern auszuweichen, so schnell er konnte fuhr er die von Linden gesäumte Landstrasse entlang und bei fast jedem Schlag fiel mir die Asche meiner Zigarette auf die Hose.
“Wir sind spät dran.“
“Ja, aber das ist kein Grund uns umzubringen. Außerdem sieht meine Hose total Scheiße aus.“
“Warum hast Du sie dann angezogen?“
„Arsch.“
Ich kannte Hansen nun schon fast mein ganzes Leben, also ein bisschen mehr als 17 Jahre. Er wohnte im Nachbardorf mit seinem großen Bruder und seiner geschiedenen Mutter im Haus des unterhaltspflichtigen Vaters.
Am Anfang konnten wir uns nicht leiden. Erst als er mit zwölf im Umkleideraum einen Heulausbruch hatte und ich mich als einziger dafür interessierte, brach das Eis. Seine Eltern ließen sich damals gerade scheiden und es war schwierig für ihn damit umzugehen. Ich hatte das schon hinter mir und erklärte ihm all die Vorteile, die so eine Scheidung für die Kinder haben konnte. Das half ihm und seit dem waren wir dicke Freunde. Wir unternahmen alles gemeinsam und teilten alles. Wir hatten sogar mit demselben Mädchen im Abstand von nur zwei Tagen unseren ersten Sex und in der Schule saßen wir am selben Tisch. Wir hätten auch Brüder sein können.
„Was für´ne Party issen das?” fragte ich. Nicht das es mich wirklich interessiert hätte, denn solange es was zu trinken gab, war eigentlich jede Party gut.
„Cordelias Geburtstagsparty. Sie wird 18, glaube ich. Sie hat uns eingeladen. Hast Du das schon vergessen?“
„Cordelia aussem Block?“ wunderte ich mich, denn die Cordelia die ich kannte, wohnte als einzige der ganzen Schule in dem grauen 8 Parteien-Mietsklotz am Rande des Dorfes. In dieser ländlichen Gegend wirkte das Mietshaus eher deplaziert und mit ihm all die, die darin wohnten. Cordelia musste sich oft dafür hänseln lassen, dass es Ihre Familie nicht zum Eigenheim gebracht hatte. Das änderte sich allerdings abrupt, als sie diese wunderschönen großen Brüste bekam. Von da an wurde sie von uns Jungs bewundert und den Mädchen beneidet. Ich besuchte sie einmal, da war sie noch nicht so gut ausgestattet. Wir knutschten und fummelten ein bisschen, bis ihr Vati von der Frühschicht kam. Ich erinnere mich, dass die Wohnung ziemlich klein war.
„Hat sie nur uns eingeladen, oder wo will sie all die Leute unterbringen?“
„Sie feiert im Garten ihrer Großeltern. Du kriegst auch gar nichts mehr mit, oder?“
„Scheinbar nicht.“ antwortete ich und zog kräftig an der Zigarette. Als wir bei der Kleingartenkolonie vorfuhren, war die Musik eher zu fühlen als zu hören. Je dichter wir dem Bass kamen, desto mehr Mopeds und Fahrräder standen querbeet rum. Wir waren wohl die einzigen, die mit einem Auto da waren.
Hansen parkte direkt vor der Tür und nach dem sichergestellt war, dass wir das Geschenk, eine Flasche Wein, die wir selber trinken wollten, auch dabei hatten, stiegen wir aus.
„Wie alt wird sie denn nun?“ wollte Hansen wissen.
„Keine Ahnung. Du wusstest doch, dass wir eingeladen sind.“
„Ja, aber. Ach, ist ja auch egal.“
„Schön. Dann können wir jetzt, ja?“ Ich war reichlich genervt, denn ich wollte nicht ewig in der Kälte stehen.
Als Cordelia die Tür öffnete blieb uns beiden der Atem stehen. Enge Jeans, enges T-Shirt und offen Haare, sie war wunderschön!
„Hansen und Cabman, die desaströsen Zwei!“ begrüßte sie uns überrascht tuend. „Seit wann habt ihr denn den Führerschein?“ wollte sie wissen.
„Ich habe keinen.“ antwortete ich und schaute Hansen an.
„Den kann man doch erst mit achtzehn machen.“ antwortete der und damit war dann auch schon alles gesagt.
Die Party war ganz gut. Das Vereinshaus der Kolonie bestand aus nur einem Raum, aber der war riesig. Überall turnten Leute rum, die ich auch schon mal gesehen hatte und die, die ich bis dato noch nicht gesehen hatte, waren die, die man auch nicht unbedingt sehen wollte.
Cordelia kam auf mich zu: “Danke für das Geschenk. Hansen hat sich wirklich gefreut!“
„Hat Hansen es Dir schon gegeben?“ fragte ich entsetzt.
„Naja, er hat es kurz ins Licht gehalten und dann mit Jana gekillt.“ erwiderte sie lachend.
„Toll. Der Ficker!“ Ich war wirklich sauer und versuchte mir eine Zigarette anzustecken.
„Das mit dem Rauchen solltest Du sein lassen. Es ist schädlich für Dich und die Küsse schmecken auch nicht.“
„Naja, da gibt es wohl zwei bis drei Dinge, die noch schädlicher sind und wir küssen ja schon lange nicht mehr.“
„Das könnte sich wieder ändern, wenn Du mit Rauchen aufhören würdest.“
Ab da sah ich wohl erschrocken und verstört aus und dann kam sie auf mich zu und gab mir einen Kuss und seit dem rauchte ich nicht mehr und zwar solange, wie ich mit Cordi zusammen war, also 5 Monate.


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