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Mittwoch, 26. April 2006
Die scheue Geschichte der Boshaftigkeit oder The Evil House of Daisy Delien
cabman, 13:59h
In einem kleinen Ort, dessen Name und Lage aus verständlichen Gründen nicht genannt werden sollen, kam es vor nicht all zu langer Zeit zu nachfolgenden beschriebenen Ereignissen. Das diese nicht kundgetan wurden hängt vor allem damit zusammen, dass die knapp 200 Dorfbewohner eisernes stillschweigen bewahrten. Ich, einer von Ihnen und Augenzeuge, kann aber nicht länger schweigen, denn jede Nacht kommen die Bilder zurück und rauben mir den Schlaf.
Alles ereignete sich im Herbst letzten Jahres, wenngleich die Geschichte scheinbar viel früher beginnt.
Unser Dorf ist wie gesagt sehr klein. Wir haben einen Bäcker, eine Tankstelle, einen Friseur und das war es auch schon. Jeder kennt hier jeden. Vor 10 Jahren etwa, entschloss sich das staatliche Bahnunternehmen eine Nord – Südverbindung durchs Land zu legen. Dies hatte damals zur Folge, dass einige Höfe und Grundstücke von der Verbindungsstrasse abgeschnitten wurden und somit nicht mehr bewohnbar waren. Alle Betroffenen erhielten aber eine Entschädigung und die Möglichkeit, ein verbilligtes Stück Land zu kaufen, um sich dort neu niederzulassen. Die meisten nutzten diese Chance, mit Ausnahme von Daisy Delien. Daisy wohnte in ihrem alten Haus außerhalb des Dorfes und war ein scheuer Mensch. Niemand wusste irgendetwas über sie oder ihre Verhältnisse, außer, dass ihre Familie schon immer hier wohnte.
Sie wehrte sich vehement gegen eine Umsiedlung. Die Bahngesellschaft versuchte eine sehr lange Zeit, sich gütlich mit Daisy zu einigen. Als alle Versuche fehlschlugen, überwies man ihr einfach das Geld, stellt die Stromversorgung ein und überließ sie sich selbst. Eine Zeit über muss Daisy dort noch ausgeharrt haben, aber irgendwann, niemand weiß genau wann, stand das Haus plötzlich leer. Was aus Daisy wurde ist bis heute ein Geheimnis und ihr Haus wurde immer gemieden, bis zum Herbst letzten Jahres!
Letzten Herbst hatte die Samtgemeinde ein kleines Fest. Die Feuerwehr hatte geladen, um die Einweihung des neuen Schlauchhauses zu feiern. Natürlich waren alle gekommen, gab es doch viel zu selten solche Festivitäten. Auch ich war da.
„Sag mal, “ fragte mich Tim, ein Freund, der aus dem Nachbarort kam, „warst Du schon mal bei Daisys Haus?“
„Ja, aber das ist schon lange her. Da wohnte sie noch dort.“
„Hervorragend, dann kannst Du uns ja hin führen? Wir wollten dort mal vorbei schauen und vielleicht ein bisschen Party machen.“
Ich war von dieser Idee nicht angetan, ließ mir aber nichts anmerken. Zu schnell und zu leicht wurde man hier zum Feigling gestempelt.
„Wer sind denn wir?“ fragte ich in betont beiläufigem Ton.
„JoJo, Loonie, Susi und ich.“
JoJo war der beste Freund Tims und mit Loonie liiert. Ich glaubte auch, dass Tim etwas mit Susi hatte und so wie ich es sah, war ich das fünfte Rad am Wagen.
„Na, da seid ihr doch ein hervorragendes Team. Wozu soll ich dabei sein?“
„Och Cabman, nun hab dich nicht so, Du kennst nun mal den Weg. Vielleicht schlafen wir auch da, das wird bestimmt lustig. JoJo hat es Loonie versprochen; sie will mal was richtig Heftiges erleben. Du weißt schon, mit Gruselfaktor!“
„Nein, weiß ich nicht, was soll an einem alten Haus gruselig sein?“
„Nun komm schon. Bist Du dabei?“
„Natürlich.“ gab ich mich irgendwann geschlagen, sonst hätte Tim den ganzen Abend genervt.
Wir trafen uns am nächsten Tag an der Bushaltestelle. Loonie, die schon achtzehn war, fuhr uns mit dem Wagen ihrer Mama. Ich saß neben ihr, da ich ihr den Weg zeigen sollte. Wir mussten nicht weit fahren, ca. 2 km außerhalb der Ortschaft ging rechts ein Stichweg ab, der früher einmal zu Daisys Haus führte.
„Wir müssen hier parken, der Weg nach unten ist nicht für Autos geeignet.“ gab ich mein Wissen kund.
„Na dann, “ verkündet Tim, sich als Anführer aufspielend, „wollen wir uns das Spukhaus mal anschauen.“
„TIM! Sag das nicht immer so!“ mimte Susi das kleine ängstliche Mädchen.
„Keine Sorge Susi. Wenn Super- Tim ausfällt bin ich auch noch da.“ produzierte sich JoJo.
Und mit den üblichen Albereien, derer ich mich im Detail heute nicht mehr genau erinnere, packten alle ihre Sachen und wir gingen die Böschung Richtung Daisys Haus hinab.
Schon bald war der ursprüngliche Weg zu gewuchert und wir mussten uns durch allerlei Gestrüpp und Gehölz kämpfen. Loonie fluchte und machte sich Sorgen, ob sie den Wagen abgeschlossen hatte und JoJo, ganz der liebende Freund, zog sie damit auf, als wir plötzlich aus dem dunklen Unterholz heraus und auf die Schienentrasse gelangten.
„Das ging schneller, als ich in Erinnerung hatte.“ wunderte ich mich.
„Ja, Ja, Erinnerungen sind schon etwas Komisches.“ antwortete Tim und schlug mir im Vorbeigehen die Hand auf die Schulter.
„Und jetzt?“ fragte Susi.
„Einfach auf die andere Seite und dann sehen wir weiter.“ sagte ich.
„Ja, aber passt auf. Nicht das es uns wie dem Jungen aus Stand by me geht.“
„Was?!“ fragte JoJo.
„Stephen King? Schon mal gehört? Auch gelesen? Der Junge, der von der Bahn überfahren wird?“ fragte ich etwas genervt.
„Eigentlich wird nur vermutet, dass der Junge von der Bahn überfahren wurde. Vielleicht ist er auch von einem Untier oder anderem zerrissen wurden.“ Verbesserte mich Loonie mit schelmischem Blick.
„Genau“, hakte JoJo ein „von der Hexe Daisy zum Beispiel.“ dabei grinste er und schickte sich an, die Gleise zu queren. Wir anderen folgten ihm.
Auf der anderen Seite stellten wir erstaunt fest, dass es einen Pfad gab. Er war nicht breit und auch nicht ausgetreten, aber eindeutig als Pfad zu erkennen und er endet genau an den Gleisen.
„Das ist merkwürdig, wieso gibt es denn hier einen Weg?“ dachte ich laut.
„Na damit die Rehe sich die Züge angucken können.“ witzelte Tim und die anderen lachten mit ihm.
„Los Cabman, wir wollen heute noch ankommen.“ unterbrach JoJo meine Gedanken und ging, dem Pfad folgend, an mir vorbei. Und wieder gingen wir anderen ihm hinterher.
So liefen wir eine Weile schweigend durch die Stille des Waldes, als sich plötzlich und unvermittelt Daisys Haus zwischen den Bäumen zeigte. Ein typisches Haus dieser Gegend. Holzfassade, rot gestrichen und mit Satteldach. Den Fenstern fehlten die Scheiben und sie wirkten wie Löcher in der Fassade.
Ich war beeindruckt und konnte kaum glauben, dass wir wirklich so schnell her gekommen waren. Den anderen schien es ebenfalls so zu gehen, waren sie doch seit dem Auftauchen des Hauses ganz still. Wir gingen weiter auf das Haus zu,
das dadurch immer größer und bedrohlicher wirkte. Ja, es war alt und schäbig, aber es war auf gar keinen Fall einsturzgefährdet oder wackelig. Im Gegenteil. Es war noch immer sehr massiv und von einer dominierenden Präsenz.
„Coole Hütte.“ freute sich Tim und ging zum Eingang. Die Eingangstür lag verkohlt und aus den Angeln gehoben vor dem Haus, gerade so, als hätte jemand oder etwas die verschlossene und brennende Tür mit aller Wucht herausgetreten. Warum sollte man etwas einschließen und anzünden wollen, überlegte ich und während sich dieser Gedanke noch nicht richtig zu Ende geformt hatte, wusste ich auch schon die Antwort: Um etwas zu vernichten! Das Gefühl, dass mich dabei beschlich, fühle ich noch heute. Eine tiefe, uralte kaum zu beschreibende Angst, die einem die Luft nahm und den Magen sich verkrampfen ließ. Die anderen schienen all dies nicht zu bemerken. Sie drängelten sich fast ins Haus und begannen alles zu untersuchen.
Meine Angst hinderte mich im ersten Augenblick ihnen einfach zu folgen, aber nachdem sie lange genug gerufen und genörgelt hatten, unterdrückte ich dieses unangenehme Gefühl und tat es ihnen gleich.
Sobald ich das Haus betrat, stand ich schon in der Küche. Die Schränke waren geöffnet, über die Jahre hatte sich die Natur zurückgeholt, was ihr einst gehörte. Moos wuchs an der Decke, überall lag Laub und in den Ecken hatte sich Schimmel gebildet. Mir fiel auf, dass alle Beschläge, Türen und Öfen fehlten. Wahrscheinlich hatten Antiquitätenhändler einiges dafür bezahlt.
„Das ist echt spooky. Wir sollten es zu unserem Partyhaus ausbauen.“ meinte Tim lachend, und Susi, die ihm wie ein Dackel hinterherlief, sagte, nun mit wirklicher Angst in der Stimme: „Lass mich hier bloß nicht alleine!“
Ich ging die Treppe nach oben. Das Obergeschoss bestand aus zwei Räumen mit niedriger Decke. Im hinteren Raum standen JoJo und Loonie in inniger Umarmung und küssten sich.
„Dieser Raum gehört uns.“ rief JoJo mir grinsend zu, als er mich bemerkte.
„Ok. Whatever. ich hatte sowieso nicht vor zu bleiben.“ und damit ging ich die Treppe wieder hinunter, die ziemlich steil war.
Draußen vor dem Haus standen Tim und Susi und diskutierten heftig. Susi hatte offenbar keine Lust da zu bleiben, und Tim versuchte sie zu überreden.
„No way Tim. Das war nicht ausgemacht. Du wolltest es nur mal sehen! Da ist es und nun gehen wir bitte wieder nach Haus, ja?“ Er hatte ihr nichts von den Übernachtungsplänen gesagt.
„Aber Schatz schau mal. Lass uns doch die Nacht hier mit den anderen verbringen. Du wirst sehen das wird richtig cool. Damit sind wir Helden.“
„Ich habe aber keine Lust ein Scheiss- Held zu sein.“ Susis Stimmer klang hysterisch. Sie hatte Angst und wir alle hätten damals besser auf sie gehört.
Tim gelang es dann doch irgendwie Susi zu beruhigen und davon zu überzeugen, dass es hier ungefährlich sei. Für JoJo und Loonie war sowieso klar das wir bis zum nächsten Tag hier bleiben würden und
so entzündeten wir ein Lagerfeuer und bereiteten uns auf die Nacht vor, die bereits über die Bäume gekrochen kam.
Wir saßen zusammen um das Feuer, erzählten uns lustige Geschichten aus unseren jungen Leben, aßen ein paar Kekse und tranken die Cola-Whisky Mischung, die JoJo mitgeschleppt hatte, als er plötzlich sagte:
„So, wir gehen jetzt schlafen.“ und mit diesen Worten erhob er sich und zog dabei Loonie mit.
„Wo wollt ihr denn hin?“ fragte Tim.
„Na wenn wir schon ein so prächtiges Haus vor der Nase haben, sollten wir es auch bestimmungsgemäß benutzen, oder?“
„Ich weiß nicht“, meinte Susi „findet ihr das nicht ein bisschen unheimlich? Wir sollten beisammen bleiben.“
„Können wir ja. Ihr müsstet nur mitkommen.“
„Ins Haus?! Keine Chance. Ich bleib hier!“ entgegnete Susi mit aller Entschlossenheit und Nachdruck, so dass jegliche Diskussion darüber von vornherein ausgeschlossen war.
„Ok, wir ihr wollt. Wir gehen auf unser Zimmer“ grinste JoJo mich an. „Gute Nacht.“
Ich wachte mitten in der Nacht auf, weil ich Geräusche hörte. Ich brauchte nur einen Augenblick um festzustellen, dass die Laute aus dem ersten Stock des Hauses kamen, da wo JoJo und Loonie schlafen wollten. Offensichtlich hatten sie Sex. Doch plötzlich und unvermittelt erfüllte ein Schrei die Nacht. Es war Loonie. Und dann war für eine unendlich dauernde Zeit absolute Stille. Kein Mucks, kein Tier nichts war zu hören, nur verstörende Stille. Und dann, mit einem Getöse und von animalischem Geschrei begleitet, kam etwas die Treppe hinunter gehastet.
Tap, Tap machte es jedes Mal, wenn ein schwerer Schritt wieder eine Stufe nahm. Ein flackerndes Licht war in der Türöffnung zu sehen, dass immer intensiver wurde je weiter die Person die Treppe runterkam und unversehens stand sie in der Tür. Ihr Kopf brannte lichterloh doch ich konnte nicht erkennen wer es war. Schwankend kam die Person aus dem Haus. Ich sprang auf und eilte zu ihr. Als ich dicht genug dran war, um zu erkennen wer es war, stockt mir der Atem und das Blut gefror in den Adern. Es war JoJo! Ihm fehlten die Augen und da, wo mal sein Mund war, war nichts weiter als blutiger Brei. Wie ferngesteuert kam er auf mich zu und wollte mich greifen, aber es funktionierte nicht, denn da, wo seine Hände hätten sein sollen, waren nur blutige Stümpfe. Er schien auch etwas sagen zu wollen, aber es gelang ihm nur ein unverständliches Grunzen und mit einmal, als hätte ihn etwas gerufen, spannte sich JoJo´s Körper und er rannte los, rein in den Wald und dem Pfad folgend, den wir gekommen waren. Für eine Weile sah ich nur den Schein seines brennenden Kopfes, der immer schwächer wurde. Und dann war es wieder finstere Nacht und absolute Stille, so als ob nichts gewesen wäre.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und rannte ins Haus, um Loonie zu suchen. Ich fand sie oben. Ihr Gesicht war schneeweiß und die Augen völlig ausdruckslos. Sie sagte nichts und starrte mich nur an.
„Was ist passiert Loonie??“ schrie ich sie an, aber sie reagierte überhaupt nicht.
Ich schüttelte sie, um sie aus ihrer Starre zu befreien und für einen kurzen Bruchteil waren ihre Augen ganz klar und sie sagte: „Wir haben nicht hinter die Tür geschaut.“
Und dabei zeigt sie auf eine Stelle hinter mir. Ich drehte mich und sah eine Tür, die nun weit offen stand. Als wir mittags hier waren hatte ich sie gar nicht gesehen, sie war perfekt in die Wand eingelassen.
„Was ist passiert? War jemand hier?“ schrie ich sie wieder an, doch das soeben gesprochene sollten die letzten Worte bleiben, die Loonie seid den Geschehnissen an eine Person gerichtet hat. Sie versank in eine andere Welt.
Draußen suchte ich Tim und Susi, fand sie aber nicht. Beide waren weg. Ich rief nach ihnen, bekam aber keine Antwort. So nahm ich Loonie und wir machten uns auf den Weg nach haus…
Genau so hat es sich dazumal zugetragen und nun sitze ich hier in der Psychiatrie des Landeskrankenhauses, genauso wie Loonie, die nicht mehr spricht. Mir glaubte keiner und je mehr ich auf meine Geschichte beharre, desto mehr ist man davon überzeugt, dass ich auf einem Trip festsitze. Die Untersuchung des Hauses hat nichts Ungewöhnliches ergeben. Tim und Susi gingen in der Nacht nach Hause und dachten es wäre lustig, wenn wir sie am nächsten Morgen vermissen würden. An den Gleisen fand man einen Schuh, den man eindeutig als JoJo`s identifizieren konnte. Er selbst galt als Ausreißer mit elterlicher Vermisstenanzeige. Dass er tot sein sollte glaubte niemand. Vielleicht war er auch gar nicht tot, ich habe ihn ja nur wegrennen sehen. Wer weiß denn schon, ob der Junge wirklich vom Zug überfahren wurde und ob in den Keksen wirklich nur ein bisschen Dope war.

Alles ereignete sich im Herbst letzten Jahres, wenngleich die Geschichte scheinbar viel früher beginnt.
Unser Dorf ist wie gesagt sehr klein. Wir haben einen Bäcker, eine Tankstelle, einen Friseur und das war es auch schon. Jeder kennt hier jeden. Vor 10 Jahren etwa, entschloss sich das staatliche Bahnunternehmen eine Nord – Südverbindung durchs Land zu legen. Dies hatte damals zur Folge, dass einige Höfe und Grundstücke von der Verbindungsstrasse abgeschnitten wurden und somit nicht mehr bewohnbar waren. Alle Betroffenen erhielten aber eine Entschädigung und die Möglichkeit, ein verbilligtes Stück Land zu kaufen, um sich dort neu niederzulassen. Die meisten nutzten diese Chance, mit Ausnahme von Daisy Delien. Daisy wohnte in ihrem alten Haus außerhalb des Dorfes und war ein scheuer Mensch. Niemand wusste irgendetwas über sie oder ihre Verhältnisse, außer, dass ihre Familie schon immer hier wohnte.
Sie wehrte sich vehement gegen eine Umsiedlung. Die Bahngesellschaft versuchte eine sehr lange Zeit, sich gütlich mit Daisy zu einigen. Als alle Versuche fehlschlugen, überwies man ihr einfach das Geld, stellt die Stromversorgung ein und überließ sie sich selbst. Eine Zeit über muss Daisy dort noch ausgeharrt haben, aber irgendwann, niemand weiß genau wann, stand das Haus plötzlich leer. Was aus Daisy wurde ist bis heute ein Geheimnis und ihr Haus wurde immer gemieden, bis zum Herbst letzten Jahres!
Letzten Herbst hatte die Samtgemeinde ein kleines Fest. Die Feuerwehr hatte geladen, um die Einweihung des neuen Schlauchhauses zu feiern. Natürlich waren alle gekommen, gab es doch viel zu selten solche Festivitäten. Auch ich war da.
„Sag mal, “ fragte mich Tim, ein Freund, der aus dem Nachbarort kam, „warst Du schon mal bei Daisys Haus?“
„Ja, aber das ist schon lange her. Da wohnte sie noch dort.“
„Hervorragend, dann kannst Du uns ja hin führen? Wir wollten dort mal vorbei schauen und vielleicht ein bisschen Party machen.“
Ich war von dieser Idee nicht angetan, ließ mir aber nichts anmerken. Zu schnell und zu leicht wurde man hier zum Feigling gestempelt.
„Wer sind denn wir?“ fragte ich in betont beiläufigem Ton.
„JoJo, Loonie, Susi und ich.“
JoJo war der beste Freund Tims und mit Loonie liiert. Ich glaubte auch, dass Tim etwas mit Susi hatte und so wie ich es sah, war ich das fünfte Rad am Wagen.
„Na, da seid ihr doch ein hervorragendes Team. Wozu soll ich dabei sein?“
„Och Cabman, nun hab dich nicht so, Du kennst nun mal den Weg. Vielleicht schlafen wir auch da, das wird bestimmt lustig. JoJo hat es Loonie versprochen; sie will mal was richtig Heftiges erleben. Du weißt schon, mit Gruselfaktor!“
„Nein, weiß ich nicht, was soll an einem alten Haus gruselig sein?“
„Nun komm schon. Bist Du dabei?“
„Natürlich.“ gab ich mich irgendwann geschlagen, sonst hätte Tim den ganzen Abend genervt.
Wir trafen uns am nächsten Tag an der Bushaltestelle. Loonie, die schon achtzehn war, fuhr uns mit dem Wagen ihrer Mama. Ich saß neben ihr, da ich ihr den Weg zeigen sollte. Wir mussten nicht weit fahren, ca. 2 km außerhalb der Ortschaft ging rechts ein Stichweg ab, der früher einmal zu Daisys Haus führte.
„Wir müssen hier parken, der Weg nach unten ist nicht für Autos geeignet.“ gab ich mein Wissen kund.
„Na dann, “ verkündet Tim, sich als Anführer aufspielend, „wollen wir uns das Spukhaus mal anschauen.“
„TIM! Sag das nicht immer so!“ mimte Susi das kleine ängstliche Mädchen.
„Keine Sorge Susi. Wenn Super- Tim ausfällt bin ich auch noch da.“ produzierte sich JoJo.
Und mit den üblichen Albereien, derer ich mich im Detail heute nicht mehr genau erinnere, packten alle ihre Sachen und wir gingen die Böschung Richtung Daisys Haus hinab.
Schon bald war der ursprüngliche Weg zu gewuchert und wir mussten uns durch allerlei Gestrüpp und Gehölz kämpfen. Loonie fluchte und machte sich Sorgen, ob sie den Wagen abgeschlossen hatte und JoJo, ganz der liebende Freund, zog sie damit auf, als wir plötzlich aus dem dunklen Unterholz heraus und auf die Schienentrasse gelangten.
„Das ging schneller, als ich in Erinnerung hatte.“ wunderte ich mich.
„Ja, Ja, Erinnerungen sind schon etwas Komisches.“ antwortete Tim und schlug mir im Vorbeigehen die Hand auf die Schulter.
„Und jetzt?“ fragte Susi.
„Einfach auf die andere Seite und dann sehen wir weiter.“ sagte ich.
„Ja, aber passt auf. Nicht das es uns wie dem Jungen aus Stand by me geht.“
„Was?!“ fragte JoJo.
„Stephen King? Schon mal gehört? Auch gelesen? Der Junge, der von der Bahn überfahren wird?“ fragte ich etwas genervt.
„Eigentlich wird nur vermutet, dass der Junge von der Bahn überfahren wurde. Vielleicht ist er auch von einem Untier oder anderem zerrissen wurden.“ Verbesserte mich Loonie mit schelmischem Blick.
„Genau“, hakte JoJo ein „von der Hexe Daisy zum Beispiel.“ dabei grinste er und schickte sich an, die Gleise zu queren. Wir anderen folgten ihm.
Auf der anderen Seite stellten wir erstaunt fest, dass es einen Pfad gab. Er war nicht breit und auch nicht ausgetreten, aber eindeutig als Pfad zu erkennen und er endet genau an den Gleisen.
„Das ist merkwürdig, wieso gibt es denn hier einen Weg?“ dachte ich laut.„Na damit die Rehe sich die Züge angucken können.“ witzelte Tim und die anderen lachten mit ihm.
„Los Cabman, wir wollen heute noch ankommen.“ unterbrach JoJo meine Gedanken und ging, dem Pfad folgend, an mir vorbei. Und wieder gingen wir anderen ihm hinterher.
So liefen wir eine Weile schweigend durch die Stille des Waldes, als sich plötzlich und unvermittelt Daisys Haus zwischen den Bäumen zeigte. Ein typisches Haus dieser Gegend. Holzfassade, rot gestrichen und mit Satteldach. Den Fenstern fehlten die Scheiben und sie wirkten wie Löcher in der Fassade.
Ich war beeindruckt und konnte kaum glauben, dass wir wirklich so schnell her gekommen waren. Den anderen schien es ebenfalls so zu gehen, waren sie doch seit dem Auftauchen des Hauses ganz still. Wir gingen weiter auf das Haus zu,
das dadurch immer größer und bedrohlicher wirkte. Ja, es war alt und schäbig, aber es war auf gar keinen Fall einsturzgefährdet oder wackelig. Im Gegenteil. Es war noch immer sehr massiv und von einer dominierenden Präsenz. „Coole Hütte.“ freute sich Tim und ging zum Eingang. Die Eingangstür lag verkohlt und aus den Angeln gehoben vor dem Haus, gerade so, als hätte jemand oder etwas die verschlossene und brennende Tür mit aller Wucht herausgetreten. Warum sollte man etwas einschließen und anzünden wollen, überlegte ich und während sich dieser Gedanke noch nicht richtig zu Ende geformt hatte, wusste ich auch schon die Antwort: Um etwas zu vernichten! Das Gefühl, dass mich dabei beschlich, fühle ich noch heute. Eine tiefe, uralte kaum zu beschreibende Angst, die einem die Luft nahm und den Magen sich verkrampfen ließ. Die anderen schienen all dies nicht zu bemerken. Sie drängelten sich fast ins Haus und begannen alles zu untersuchen.
Meine Angst hinderte mich im ersten Augenblick ihnen einfach zu folgen, aber nachdem sie lange genug gerufen und genörgelt hatten, unterdrückte ich dieses unangenehme Gefühl und tat es ihnen gleich.
Sobald ich das Haus betrat, stand ich schon in der Küche. Die Schränke waren geöffnet, über die Jahre hatte sich die Natur zurückgeholt, was ihr einst gehörte. Moos wuchs an der Decke, überall lag Laub und in den Ecken hatte sich Schimmel gebildet. Mir fiel auf, dass alle Beschläge, Türen und Öfen fehlten. Wahrscheinlich hatten Antiquitätenhändler einiges dafür bezahlt.

„Das ist echt spooky. Wir sollten es zu unserem Partyhaus ausbauen.“ meinte Tim lachend, und Susi, die ihm wie ein Dackel hinterherlief, sagte, nun mit wirklicher Angst in der Stimme: „Lass mich hier bloß nicht alleine!“
Ich ging die Treppe nach oben. Das Obergeschoss bestand aus zwei Räumen mit niedriger Decke. Im hinteren Raum standen JoJo und Loonie in inniger Umarmung und küssten sich.
„Dieser Raum gehört uns.“ rief JoJo mir grinsend zu, als er mich bemerkte.
„Ok. Whatever. ich hatte sowieso nicht vor zu bleiben.“ und damit ging ich die Treppe wieder hinunter, die ziemlich steil war.
Draußen vor dem Haus standen Tim und Susi und diskutierten heftig. Susi hatte offenbar keine Lust da zu bleiben, und Tim versuchte sie zu überreden.
„No way Tim. Das war nicht ausgemacht. Du wolltest es nur mal sehen! Da ist es und nun gehen wir bitte wieder nach Haus, ja?“ Er hatte ihr nichts von den Übernachtungsplänen gesagt.
„Aber Schatz schau mal. Lass uns doch die Nacht hier mit den anderen verbringen. Du wirst sehen das wird richtig cool. Damit sind wir Helden.“
„Ich habe aber keine Lust ein Scheiss- Held zu sein.“ Susis Stimmer klang hysterisch. Sie hatte Angst und wir alle hätten damals besser auf sie gehört.
Tim gelang es dann doch irgendwie Susi zu beruhigen und davon zu überzeugen, dass es hier ungefährlich sei. Für JoJo und Loonie war sowieso klar das wir bis zum nächsten Tag hier bleiben würden und
so entzündeten wir ein Lagerfeuer und bereiteten uns auf die Nacht vor, die bereits über die Bäume gekrochen kam.Wir saßen zusammen um das Feuer, erzählten uns lustige Geschichten aus unseren jungen Leben, aßen ein paar Kekse und tranken die Cola-Whisky Mischung, die JoJo mitgeschleppt hatte, als er plötzlich sagte:
„So, wir gehen jetzt schlafen.“ und mit diesen Worten erhob er sich und zog dabei Loonie mit.
„Wo wollt ihr denn hin?“ fragte Tim.
„Na wenn wir schon ein so prächtiges Haus vor der Nase haben, sollten wir es auch bestimmungsgemäß benutzen, oder?“
„Ich weiß nicht“, meinte Susi „findet ihr das nicht ein bisschen unheimlich? Wir sollten beisammen bleiben.“
„Können wir ja. Ihr müsstet nur mitkommen.“
„Ins Haus?! Keine Chance. Ich bleib hier!“ entgegnete Susi mit aller Entschlossenheit und Nachdruck, so dass jegliche Diskussion darüber von vornherein ausgeschlossen war.
„Ok, wir ihr wollt. Wir gehen auf unser Zimmer“ grinste JoJo mich an. „Gute Nacht.“
Ich wachte mitten in der Nacht auf, weil ich Geräusche hörte. Ich brauchte nur einen Augenblick um festzustellen, dass die Laute aus dem ersten Stock des Hauses kamen, da wo JoJo und Loonie schlafen wollten. Offensichtlich hatten sie Sex. Doch plötzlich und unvermittelt erfüllte ein Schrei die Nacht. Es war Loonie. Und dann war für eine unendlich dauernde Zeit absolute Stille. Kein Mucks, kein Tier nichts war zu hören, nur verstörende Stille. Und dann, mit einem Getöse und von animalischem Geschrei begleitet, kam etwas die Treppe hinunter gehastet.
Tap, Tap machte es jedes Mal, wenn ein schwerer Schritt wieder eine Stufe nahm. Ein flackerndes Licht war in der Türöffnung zu sehen, dass immer intensiver wurde je weiter die Person die Treppe runterkam und unversehens stand sie in der Tür. Ihr Kopf brannte lichterloh doch ich konnte nicht erkennen wer es war. Schwankend kam die Person aus dem Haus. Ich sprang auf und eilte zu ihr. Als ich dicht genug dran war, um zu erkennen wer es war, stockt mir der Atem und das Blut gefror in den Adern. Es war JoJo! Ihm fehlten die Augen und da, wo mal sein Mund war, war nichts weiter als blutiger Brei. Wie ferngesteuert kam er auf mich zu und wollte mich greifen, aber es funktionierte nicht, denn da, wo seine Hände hätten sein sollen, waren nur blutige Stümpfe. Er schien auch etwas sagen zu wollen, aber es gelang ihm nur ein unverständliches Grunzen und mit einmal, als hätte ihn etwas gerufen, spannte sich JoJo´s Körper und er rannte los, rein in den Wald und dem Pfad folgend, den wir gekommen waren. Für eine Weile sah ich nur den Schein seines brennenden Kopfes, der immer schwächer wurde. Und dann war es wieder finstere Nacht und absolute Stille, so als ob nichts gewesen wäre.Ich nahm all meinen Mut zusammen und rannte ins Haus, um Loonie zu suchen. Ich fand sie oben. Ihr Gesicht war schneeweiß und die Augen völlig ausdruckslos. Sie sagte nichts und starrte mich nur an.
„Was ist passiert Loonie??“ schrie ich sie an, aber sie reagierte überhaupt nicht.
Ich schüttelte sie, um sie aus ihrer Starre zu befreien und für einen kurzen Bruchteil waren ihre Augen ganz klar und sie sagte: „Wir haben nicht hinter die Tür geschaut.“

Und dabei zeigt sie auf eine Stelle hinter mir. Ich drehte mich und sah eine Tür, die nun weit offen stand. Als wir mittags hier waren hatte ich sie gar nicht gesehen, sie war perfekt in die Wand eingelassen.
„Was ist passiert? War jemand hier?“ schrie ich sie wieder an, doch das soeben gesprochene sollten die letzten Worte bleiben, die Loonie seid den Geschehnissen an eine Person gerichtet hat. Sie versank in eine andere Welt.
Draußen suchte ich Tim und Susi, fand sie aber nicht. Beide waren weg. Ich rief nach ihnen, bekam aber keine Antwort. So nahm ich Loonie und wir machten uns auf den Weg nach haus…
Genau so hat es sich dazumal zugetragen und nun sitze ich hier in der Psychiatrie des Landeskrankenhauses, genauso wie Loonie, die nicht mehr spricht. Mir glaubte keiner und je mehr ich auf meine Geschichte beharre, desto mehr ist man davon überzeugt, dass ich auf einem Trip festsitze. Die Untersuchung des Hauses hat nichts Ungewöhnliches ergeben. Tim und Susi gingen in der Nacht nach Hause und dachten es wäre lustig, wenn wir sie am nächsten Morgen vermissen würden. An den Gleisen fand man einen Schuh, den man eindeutig als JoJo`s identifizieren konnte. Er selbst galt als Ausreißer mit elterlicher Vermisstenanzeige. Dass er tot sein sollte glaubte niemand. Vielleicht war er auch gar nicht tot, ich habe ihn ja nur wegrennen sehen. Wer weiß denn schon, ob der Junge wirklich vom Zug überfahren wurde und ob in den Keksen wirklich nur ein bisschen Dope war.


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cabman, 13:33h
Ja, diese Ecke des Blogs kommt ihnen zu Recht bekannt vor. Hier sollte sie damals präsentiert werden.
Folgen Sie mir noch ein Stück weiter, dahinten in der Ecke, da kauert sie, Die Geschichte der scheuen Boshaftigkeit oder The Evil House of Daisy Delien
Einmal kurz verschnaufen und dann hier noch einen Sprung machen:
Folgen Sie mir noch ein Stück weiter, dahinten in der Ecke, da kauert sie, Die Geschichte der scheuen Boshaftigkeit oder The Evil House of Daisy Delien
Einmal kurz verschnaufen und dann hier noch einen Sprung machen:

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Dienstag, 25. April 2006
Uelzen, Uschi und ein Mercedes 600
cabman, 11:03h
Hansen, Siggi und ich waren mal in Uelzen und zwar in einer Disco. Wie die hieß fällt mir grade nicht ein, macht aber nichts, weil der, der sich in Uelzen auskennt, vermutlich sowieso weiß wo wir waren. SO groß ist Uelzen ja nicht.
Sollte jemand nicht wissen was, oder wo Uelzen ist, erkläre ich das gern mal kurz in zwei Sätzen: In Uelzen sind zur Erntezeit immer(!) die Strassen durch die vielen Rübentrecker verstopft und dort werden auch die schicken Leitz-Ordner gefertigt, was nicht weiter wundert, weil ja die ganzen Rübenab- und einlieferungsbelege auch abgeheftet werden müssen. Huch, nun ist es nur ein Satz geworden. Da können wir aber nachlegen:
In der FAZ gab es einen Artikel, geschrieben von einem Redakteur, der unbeabsichtigt und unverschuldet in Uelzen notwassern musste (richtig, die Bahn fiel aus), mit folgender Überschrift:
Niemand fährt gern nach Uelzen. Niemand!
Das sagt schon alles, und wenn so etwas in der FAZ steht, muss was Wahres dran sein. Und nun weiter zur Story.
Wir waren also in Uelzen und das sogar freiwillig. Und wo ich so über Uelzen schwadroniere, fällt mir auch gerade wieder ein, wie die Disco hieß: Galerie.
Die Galerie war ein schmucker Schnellbaukasten am Rande der Stadt. Wir bekamen beim Reingehen so einen Stempel, der im schwarzlichtausgeleuchteten Eingang vor sich hinstrahlte. Das war total avantgardistisch und peinlich, wenn man zu Schuppen neigte.
Einmal drinnen wussten wir auch gleich, warum man uns beim einchecken so skeptisch beäugte: Unsere Anwesenheit störte doch empfindlich das diffizile Mengengelage zwischen den Russlanddeutschen und den Rübenbauern, was uns aber nicht störte, denn unter solchen Vorraussetzungen war Uelzen überall und da haben wir uns schon an ganz, ganz anderen Stätten verlustiert.
Im „Haupttrackt“ gab es eine kleine Tanzfläche und eine noch viel kleinere Galerie; oh wie passend, denkt jetzt der eine und der andere wundert sich, hatte die ganze Chose nicht denselben Namen? Stimmt! Und weiter geht’s:
Die Tanzfläche war voll mit Mädchen und Buben der Generation D-Trance 1-3234, die im Stakkato von ungefähr 5000bpm synchron zappelten und wir machten es uns erstmal an der Bar gemütlich. Dort versah ein androgynes Wesen seinen Dienst, das dammich noch eins lasziv und sexy war. Hätte ich mit Sicherheit gewusst, dass das Wesen ein weibliches war, hätte ich es bestimmt angemacht. So bestellte ich aber nur drei Hefe für uns.
Wir schauten uns das ganze Treiben von unseren Barhockern aus an, registrierten die Messer im Blick der Russlanddeutschen, genauso wie die der Bauern und Stiernacken und prosteten allen freundlichen zu, was die aber kein Stück zu würdigen wussten. (Ermahnender Einschub vom Autor: Lieber Uelzener und Zugereiste, seid nett zu Fremden, die frisches Geld in eurer kleine inzestuöse Stadt bringen, in Zeiten der Globalisierung zählt jeder Cent.)
Irgendwann unterbrach der Plattenjockey die ganze Schau und bat alle unter sechzehn Jahren, das Lokal zu verlassen, und das war sie dann auch, die Tanzfläche.
Wie zur Belohnung, so lange ausgeharrt zu haben, erklangen ganz neue Töne: Midnight Oil, ACDC und U2, die alten Öko–Stinker-Pazifisten- Zausel, die ich nicht leiden konnte, weil sie Heike, dass Mädchen auf das ich mal scharf war, mit dem ganzen New-Hippie-Scheiss ansteckten und die, die Marotte entwickelte, Räucherstäbchen bei unseren Treffen anzuzünden, von denen mir immer schlecht und aus der Beziehung dann auch nichts wurde, aber das ist eine ganz andere Geschichte, die ich irgendwann mal hier erzählen werde. (Einschub vom Autor: Meine Ex-Deutschlehrerin hätte sich bei diesem Satz nass gemacht)
Und weiter geht’s, denn wir haben noch viel vor:
Irgendeiner Eingebung folgend, ich glaube es war die Siggis, spielte der Plattenjongleur die, na? Ne Ahnung? Richtig, The Smiths. Und weil ich a.) deren Musik total dufte finde und b.) ein außerordentlich guter Tänzer bin und c.) die Kombination aus a+b es zwingend erforderlich macht, sich rhythmisch zu bewegen, sobald deren Hymnen erklingen, war ich hux flux auf der Tanzfläche und zwar mit Siggi, der immer nur mit Hansen oder mir tanzte.
The Smiths mochte ich ja schon immer. Deren Sänger, der Morrissey (hat gerade eine neue Solo CD draussen) ist ein charismatisches Bürschchen und böse Zungen behaupten ja (Achtung Bildungsteil, dauert aber nicht lange, versprochen), die waren nur so erfolgreich wegen, na? Richtig, dem Morissey. Da ist aber Quatsch, ich glaube nämlich das hängt mit Manschester zusammen, der Stadt aus der die kamen, genau wie die von mir hoch verehrten Herren Joy Division oder, aus neueren Tagen, Oasis, die mit Whats the morning glory eine ganz, ganz zauberhafte Scheibe raus brachten, aber mit Liam einen Riesenarsch als Frontmann haben, den ich noch viel doofer fand, seit ich las, dass er mal was mit der kleinen putzigen Patsy Kensit hatte. In die hatte ich mich doch verliebt, genauso wie in Pia Lund und aus Manchester kommt noch viel mehr tolle Musik.
So, einmal durchatmen, ist ja gleich geschafft und weiter geht’s:
Siggi und ich tanzten also zu den Smiths und das war beim Song There is a light that never goes out und vier Hefe nicht so einfach. Aber heh, ich bin der Cabman, und ich tanzte zu diesen Songs schon mein ganzes junges Leben, das war sozusagen einstudiert. Wir haben wohl auch sehr beeindruckend ausgesehen, denn wie in allerschlimmsten Klassenausflugsdiscothekszenarien, hatte sich ein mitklatschender Kreis (wirklich!) um uns gebildet. Ließen wir uns davon stören? Kein Stück. Der Zeremonienmeister war wohl auch beeindruckt, denn er spielte, sehr zu unserer Freude, This Charming Man hinterher und da ging es dann richtig ab.
Danach folgte nur der übliche Brit-Pop Kram, ein bisschen Fury in the Slaughterhouse, nichts, was animierte weiterzutanzen. Siggi und ich gingen zurück zur Bar und zischten ein Hefe.
Dort zogen wir gerade Hansen auf, der total sauer war, weil er fahren musste und somit nichts trinken konnte, als, und nun halte sich der geneigt Leser fest, denn das ist kein Scherz, ein kleine, sehr dralle und sehr toupierte Blondine auf uns zukam und tatsächlich sagte, sie würde Uschi heißen, und wäre das nicht schon des Lachens genug, war sie auch noch Friseurmeisterin mit eigenem Salon.(Realsatire? Was glauben denn Sie, wie wir uns beömmelt haben?) Hansen und Siggi lagen bereits unter den Hockern, aber ich war sehr beeindruckt, dass sie sich von den Beiden kein bisschen irritieren lies. Ich fragte dann auch, (ja, der Cabman ist Kavalier) ob sie ein Hefe habe wollte. Wollte sie nicht, da ihr Magen das nicht vertrage und Siggi sagte, dass er auch immer vom Hefe furzen müsste und nur um das zu bestätigen, prasselte er auch einen ab. Hansen und ich krümmten uns vor Lachen, aber die Lütte war nicht aus der Fassung zu bringen.
Da sie eindeutig an mir interessiert war, (Einschub vom Autor: So etwas merkt man mit der Zeit) weil sie fand, dass ich gut tanzen könne, fragte ich sie ob sie schon mal einen 600er Mercedes (wie wir an den kamen und warum wir überhaupt in Uelzen waren, ist eine ganz andere Geschichte) gesehen hätte. Hatte sie nicht und Sex im Auto hatte sie auch noch nicht und dann gab es für beides eine Premiere. Und ich kann hier und heute versichern, dass Uschi wusste was sie tat (euer Ehren), die konnte sich bewegen, aber ehrlich! Und damit wäre auch bewiesen, wenn Mann tanzen kann, geht alles leichter, denn die rhythmischen Hüftbewegungen (Der Autor empfiehlt: Smooth und sleazy müssen sie sein!) signalisieren dem paarungswilligen Weibchen: ich bin hier, jung und gesund und würdig, der Vater deiner Nachkommen zu werden, und dann setzt ein biologischer Effekt ein, dem keine Frau widersteht. Man schaue sich nur den Siggi an.
Wir fuhren dann nach Hause, gen Norden. Hansen spielte die ganze Zeit über Joy Divisions Heart and Soul (Autorepeat). Siggi und ich glaubten ja, dass er sich in das Wesen von der Bar verliebt hatte, nur gefragt hätten wir ihn das nie und dann schlief ich ein.
Sollte jemand nicht wissen was, oder wo Uelzen ist, erkläre ich das gern mal kurz in zwei Sätzen: In Uelzen sind zur Erntezeit immer(!) die Strassen durch die vielen Rübentrecker verstopft und dort werden auch die schicken Leitz-Ordner gefertigt, was nicht weiter wundert, weil ja die ganzen Rübenab- und einlieferungsbelege auch abgeheftet werden müssen. Huch, nun ist es nur ein Satz geworden. Da können wir aber nachlegen:
In der FAZ gab es einen Artikel, geschrieben von einem Redakteur, der unbeabsichtigt und unverschuldet in Uelzen notwassern musste (richtig, die Bahn fiel aus), mit folgender Überschrift:
Das sagt schon alles, und wenn so etwas in der FAZ steht, muss was Wahres dran sein. Und nun weiter zur Story.
Wir waren also in Uelzen und das sogar freiwillig. Und wo ich so über Uelzen schwadroniere, fällt mir auch gerade wieder ein, wie die Disco hieß: Galerie.
Die Galerie war ein schmucker Schnellbaukasten am Rande der Stadt. Wir bekamen beim Reingehen so einen Stempel, der im schwarzlichtausgeleuchteten Eingang vor sich hinstrahlte. Das war total avantgardistisch und peinlich, wenn man zu Schuppen neigte.
Einmal drinnen wussten wir auch gleich, warum man uns beim einchecken so skeptisch beäugte: Unsere Anwesenheit störte doch empfindlich das diffizile Mengengelage zwischen den Russlanddeutschen und den Rübenbauern, was uns aber nicht störte, denn unter solchen Vorraussetzungen war Uelzen überall und da haben wir uns schon an ganz, ganz anderen Stätten verlustiert.
Im „Haupttrackt“ gab es eine kleine Tanzfläche und eine noch viel kleinere Galerie; oh wie passend, denkt jetzt der eine und der andere wundert sich, hatte die ganze Chose nicht denselben Namen? Stimmt! Und weiter geht’s:
Die Tanzfläche war voll mit Mädchen und Buben der Generation D-Trance 1-3234, die im Stakkato von ungefähr 5000bpm synchron zappelten und wir machten es uns erstmal an der Bar gemütlich. Dort versah ein androgynes Wesen seinen Dienst, das dammich noch eins lasziv und sexy war. Hätte ich mit Sicherheit gewusst, dass das Wesen ein weibliches war, hätte ich es bestimmt angemacht. So bestellte ich aber nur drei Hefe für uns.
Wir schauten uns das ganze Treiben von unseren Barhockern aus an, registrierten die Messer im Blick der Russlanddeutschen, genauso wie die der Bauern und Stiernacken und prosteten allen freundlichen zu, was die aber kein Stück zu würdigen wussten. (Ermahnender Einschub vom Autor: Lieber Uelzener und Zugereiste, seid nett zu Fremden, die frisches Geld in eurer kleine inzestuöse Stadt bringen, in Zeiten der Globalisierung zählt jeder Cent.)
Irgendwann unterbrach der Plattenjockey die ganze Schau und bat alle unter sechzehn Jahren, das Lokal zu verlassen, und das war sie dann auch, die Tanzfläche.
Wie zur Belohnung, so lange ausgeharrt zu haben, erklangen ganz neue Töne: Midnight Oil, ACDC und U2, die alten Öko–Stinker-Pazifisten- Zausel, die ich nicht leiden konnte, weil sie Heike, dass Mädchen auf das ich mal scharf war, mit dem ganzen New-Hippie-Scheiss ansteckten und die, die Marotte entwickelte, Räucherstäbchen bei unseren Treffen anzuzünden, von denen mir immer schlecht und aus der Beziehung dann auch nichts wurde, aber das ist eine ganz andere Geschichte, die ich irgendwann mal hier erzählen werde. (Einschub vom Autor: Meine Ex-Deutschlehrerin hätte sich bei diesem Satz nass gemacht)
Und weiter geht’s, denn wir haben noch viel vor:
Irgendeiner Eingebung folgend, ich glaube es war die Siggis, spielte der Plattenjongleur die, na? Ne Ahnung? Richtig, The Smiths. Und weil ich a.) deren Musik total dufte finde und b.) ein außerordentlich guter Tänzer bin und c.) die Kombination aus a+b es zwingend erforderlich macht, sich rhythmisch zu bewegen, sobald deren Hymnen erklingen, war ich hux flux auf der Tanzfläche und zwar mit Siggi, der immer nur mit Hansen oder mir tanzte.
The Smiths mochte ich ja schon immer. Deren Sänger, der Morrissey (hat gerade eine neue Solo CD draussen) ist ein charismatisches Bürschchen und böse Zungen behaupten ja (Achtung Bildungsteil, dauert aber nicht lange, versprochen), die waren nur so erfolgreich wegen, na? Richtig, dem Morissey. Da ist aber Quatsch, ich glaube nämlich das hängt mit Manschester zusammen, der Stadt aus der die kamen, genau wie die von mir hoch verehrten Herren Joy Division oder, aus neueren Tagen, Oasis, die mit Whats the morning glory eine ganz, ganz zauberhafte Scheibe raus brachten, aber mit Liam einen Riesenarsch als Frontmann haben, den ich noch viel doofer fand, seit ich las, dass er mal was mit der kleinen putzigen Patsy Kensit hatte. In die hatte ich mich doch verliebt, genauso wie in Pia Lund und aus Manchester kommt noch viel mehr tolle Musik.
So, einmal durchatmen, ist ja gleich geschafft und weiter geht’s:
Siggi und ich tanzten also zu den Smiths und das war beim Song There is a light that never goes out und vier Hefe nicht so einfach. Aber heh, ich bin der Cabman, und ich tanzte zu diesen Songs schon mein ganzes junges Leben, das war sozusagen einstudiert. Wir haben wohl auch sehr beeindruckend ausgesehen, denn wie in allerschlimmsten Klassenausflugsdiscothekszenarien, hatte sich ein mitklatschender Kreis (wirklich!) um uns gebildet. Ließen wir uns davon stören? Kein Stück. Der Zeremonienmeister war wohl auch beeindruckt, denn er spielte, sehr zu unserer Freude, This Charming Man hinterher und da ging es dann richtig ab.
Danach folgte nur der übliche Brit-Pop Kram, ein bisschen Fury in the Slaughterhouse, nichts, was animierte weiterzutanzen. Siggi und ich gingen zurück zur Bar und zischten ein Hefe.
Dort zogen wir gerade Hansen auf, der total sauer war, weil er fahren musste und somit nichts trinken konnte, als, und nun halte sich der geneigt Leser fest, denn das ist kein Scherz, ein kleine, sehr dralle und sehr toupierte Blondine auf uns zukam und tatsächlich sagte, sie würde Uschi heißen, und wäre das nicht schon des Lachens genug, war sie auch noch Friseurmeisterin mit eigenem Salon.(Realsatire? Was glauben denn Sie, wie wir uns beömmelt haben?) Hansen und Siggi lagen bereits unter den Hockern, aber ich war sehr beeindruckt, dass sie sich von den Beiden kein bisschen irritieren lies. Ich fragte dann auch, (ja, der Cabman ist Kavalier) ob sie ein Hefe habe wollte. Wollte sie nicht, da ihr Magen das nicht vertrage und Siggi sagte, dass er auch immer vom Hefe furzen müsste und nur um das zu bestätigen, prasselte er auch einen ab. Hansen und ich krümmten uns vor Lachen, aber die Lütte war nicht aus der Fassung zu bringen.
Da sie eindeutig an mir interessiert war, (Einschub vom Autor: So etwas merkt man mit der Zeit) weil sie fand, dass ich gut tanzen könne, fragte ich sie ob sie schon mal einen 600er Mercedes (wie wir an den kamen und warum wir überhaupt in Uelzen waren, ist eine ganz andere Geschichte) gesehen hätte. Hatte sie nicht und Sex im Auto hatte sie auch noch nicht und dann gab es für beides eine Premiere. Und ich kann hier und heute versichern, dass Uschi wusste was sie tat (euer Ehren), die konnte sich bewegen, aber ehrlich! Und damit wäre auch bewiesen, wenn Mann tanzen kann, geht alles leichter, denn die rhythmischen Hüftbewegungen (Der Autor empfiehlt: Smooth und sleazy müssen sie sein!) signalisieren dem paarungswilligen Weibchen: ich bin hier, jung und gesund und würdig, der Vater deiner Nachkommen zu werden, und dann setzt ein biologischer Effekt ein, dem keine Frau widersteht. Man schaue sich nur den Siggi an.
Wir fuhren dann nach Hause, gen Norden. Hansen spielte die ganze Zeit über Joy Divisions Heart and Soul (Autorepeat). Siggi und ich glaubten ja, dass er sich in das Wesen von der Bar verliebt hatte, nur gefragt hätten wir ihn das nie und dann schlief ich ein.

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Montag, 24. April 2006
Der Fall Jesus
cabman, 11:52h
Hansen, Siggi und ich saßen in der Kneipe ohne Namen. Diesmal gab es aber etwas zu feiern: Siggi hatte den Führerschein bestanden.
Da saßen wir nun in unsere Stammecke, schwiegen uns ausgelassen an und schauten der fetten Elke zu, wie sie unser Bier zapfte. Eigentlich war der Führerschein nur eine Entschuldigung wieder hier zu sein und eigentlich hieß Elke Cecilia.
„Freunde dürfen aber Sissi zu mir sagen.“, was wir aus ersichtlichem Grund nicht taten und sie kurzer Hand Elke tauften. Elke, formerly known as Sissi, kannte Die Ärzte nicht und damit war das kein Problem.
„Ich finde das völlig daneben, dass ihr hier keine Löffel in den Nussschalen habt. Da grabscht jeder rein, das ist so eklig.“ motzte ich Elke an, weil ich es wirklich eklig fand.
„Die sind ja nur für euch“, wehrte sie sich, „die anderen Gäste bekommen keine!“
Und tatsächlich, als ich mich umschaute, hatten nur wir Nüsschen auf dem Tisch stehen.
„Sind wir jetzt Stammgäste?“ krähte Siggi.
„Ihr seid die einzigen Gäste.“ und dabei stellte sie die Biere vor unsere Nasen und schmunzelte, dass einem warm ums Herz werden konnte. Wurde es aber nicht, weil Möhn zur Tür reingestürmt kam und rumbrüllte, dass der Jesus sich umbringen will und wir nun gefälligst mitzukommen hätten.
Möhn war so einer, den man ab und an sah, wenig mit ihm redete und schon mal überhaupt nicht kannte.
Der Jesus hingegen hiess Jan und war einer unserer besten Kumpels, so zwei Meter groß, hatte lange blonde Haare, war schweigsam wie ein Grab und unsterblich in Gülnaz verliebt. Diese wurde mit 18 von einem grauen Wolf geschwängert, was Jesus total aus der Bahn und uns rein in diese Geschichte warf.
Jesus Leben bestand daraus, mit den Türken abzuhängen, Bobpartys zu feiern, zu skaten, zu kiffen und - - : Tja, nichts weiter. Das war es.
„Also Möhn, setz Dich erstmal und trink ein Bier.“ beschwichtigte Siggi den Neuankömmling.
„Nein!“ schrie der, „Jesus will von der Brücke springen! Nun kommt schon.“ dabei wandte sich Möhn wieder zur Tür und eilte hinaus.
„Was für eine Brücke?“ wunderte Hansen sich, genauso wie ich.
„Sag mal Elke, kannst Du das Bier kaltstellen?“ fragte Siggie, als er sich anschickte, Möhn zu folgen.
„Klar Jungs, mach ich doch.“ kam es prompt von Elke zurück.
Beim Rausgehen fragte ich Siggi, was das denn sollte, das Bier kaltstellen?? So ein Quatsch! Das war doch eh schal, wenn wir zurückkommen würden, wobei die Betonung auf wenn lag.
„So was Cooles wollte ich aber schon immer mal sagen. Kam gut, oder?“
„War super und nun lasst uns mal los!“ sagte Hansen und dann folgten wir alle Möhn.
Draußen regnete es. Schon wieder oder immer noch, wer wusste das schon, denn in meinem Leben regnet es ja immer irgendwie und die Brücke war eine Mauer, nämlich das Stück, das die Zeit von der historischen Stadtmauer übrig gelassen hat. Auf ihr saß Mahzun, und neben ihm, stehend, mit freiem Oberkörper und völlig entrückt - Jesus.
Mahzun war ein Kumpel von Jesus und eine Art Antitürke, denn er machte all das, was er nicht durfte, genau wie Jesus, nur mit anderem religiös- kulturellen Hintergrund und das machte die Sachen noch viel schlimmer.
„Mann, die sind ja total stoned!“ stöhnte Siggi. ”Wie sollen wir die von da oben runterholen?“
„Misch hold keine von eusch eine runder!“ radebrach Mahzun und verfiel in einen kiffertypischen Kicheranfall. Beide hatten sich richtig die Birne zugeknallt.
„Jesus?“ - Hansen versuchte Kontakt aufzunehmen.
„ Eh, Jesus?!“ - Keine Reaktion.
Jesus stand einfach nur da oben, starrte irgendetwas in der Ferne an und reagierte überhaupt nicht. Seine Haare klebten ihm im Gesicht, sein Hemd hatte er sich um die Hüfte geknotet und im Schein der Straßenlaterne sah er aus wie - - Jesus.
„Man sind die breit.“ stöhnte Siggi ein zweites Mal, als plötzlich und wie auf ein Zeichen, Jesus zu tanzen begann. Musik gab es keine, aber leise, ganz leise sang er:
„Don’t worry about a thing
Cause every little thing gonna be alright
Singin, Don’t worry about a thing
Cause every little thing gonna be alright…”
Das war Bob Marley! Das wusste ich genau, denn ich hatte mit Jesus schon auf vielen, von ihm gestartete, Bobpartys gefeiert.
„Jesus, hast Du Bock auf ne Bobfeier?“ rief ich mit aufkeimender Hoffnung in der Stimme. Vielleicht war das der Weg, ihn von da oben runter zu holen. Doch zu unser aller Überraschung und mit einemmal, drehte sich Jesus zornigen Blickes zu mir, zeigte mit den Fingern auf mich und schrie: „In your face, In your face“, immer und immer wieder und Kicher- Mahzun stimmte ein.
„Oh Man, das wird ja immer bekloppter.“ nörgelte Siggi „Gleich kommen die Bullen und dann ist die Kacke am Dampfen, erklären können wir das auch nicht und…“
Weiter kam er nicht, weil Jesus nämlich von der Mauer fiel, leider auf deren andere Seite.
„Na toll, wie sollen wir den jetzt finden?“ fragte Möhn.
„In dem wir ihn suchen.“ ätzte wir ihn im Chor an.
Schließlich fanden wir ihn. Er hatte sich an diesem Tag beide Arme gebrochen und ein Herz dazu, denn wie er später im Krankhaus erzählte, musste Gülnaz zurück in die Türkei. Deswegen hatte er sich so weggeballert und das war, wie wir einstimmig befanden, ein guter Grund sich mal auszuklinken.
Gülnaz hat er nie mehr wieder gesehen, Mahzun schon und Dank seiner besten Freunde, konnte er auch mit zwei gegipsten Armen kiffen und dann feierten wir die größte Bobparty, die die Welt je gesehen hat.
Am 24. April 2004 ist Jan gestorben. Das ist für Dich Alter, in memories…
Da saßen wir nun in unsere Stammecke, schwiegen uns ausgelassen an und schauten der fetten Elke zu, wie sie unser Bier zapfte. Eigentlich war der Führerschein nur eine Entschuldigung wieder hier zu sein und eigentlich hieß Elke Cecilia.
„Freunde dürfen aber Sissi zu mir sagen.“, was wir aus ersichtlichem Grund nicht taten und sie kurzer Hand Elke tauften. Elke, formerly known as Sissi, kannte Die Ärzte nicht und damit war das kein Problem.
„Ich finde das völlig daneben, dass ihr hier keine Löffel in den Nussschalen habt. Da grabscht jeder rein, das ist so eklig.“ motzte ich Elke an, weil ich es wirklich eklig fand.
„Die sind ja nur für euch“, wehrte sie sich, „die anderen Gäste bekommen keine!“
Und tatsächlich, als ich mich umschaute, hatten nur wir Nüsschen auf dem Tisch stehen.
„Sind wir jetzt Stammgäste?“ krähte Siggi.
„Ihr seid die einzigen Gäste.“ und dabei stellte sie die Biere vor unsere Nasen und schmunzelte, dass einem warm ums Herz werden konnte. Wurde es aber nicht, weil Möhn zur Tür reingestürmt kam und rumbrüllte, dass der Jesus sich umbringen will und wir nun gefälligst mitzukommen hätten.
Möhn war so einer, den man ab und an sah, wenig mit ihm redete und schon mal überhaupt nicht kannte.
Der Jesus hingegen hiess Jan und war einer unserer besten Kumpels, so zwei Meter groß, hatte lange blonde Haare, war schweigsam wie ein Grab und unsterblich in Gülnaz verliebt. Diese wurde mit 18 von einem grauen Wolf geschwängert, was Jesus total aus der Bahn und uns rein in diese Geschichte warf.
Jesus Leben bestand daraus, mit den Türken abzuhängen, Bobpartys zu feiern, zu skaten, zu kiffen und - - : Tja, nichts weiter. Das war es.
„Also Möhn, setz Dich erstmal und trink ein Bier.“ beschwichtigte Siggi den Neuankömmling.
„Nein!“ schrie der, „Jesus will von der Brücke springen! Nun kommt schon.“ dabei wandte sich Möhn wieder zur Tür und eilte hinaus.
„Was für eine Brücke?“ wunderte Hansen sich, genauso wie ich.
„Sag mal Elke, kannst Du das Bier kaltstellen?“ fragte Siggie, als er sich anschickte, Möhn zu folgen.
„Klar Jungs, mach ich doch.“ kam es prompt von Elke zurück.
Beim Rausgehen fragte ich Siggi, was das denn sollte, das Bier kaltstellen?? So ein Quatsch! Das war doch eh schal, wenn wir zurückkommen würden, wobei die Betonung auf wenn lag.
„So was Cooles wollte ich aber schon immer mal sagen. Kam gut, oder?“
„War super und nun lasst uns mal los!“ sagte Hansen und dann folgten wir alle Möhn.
Draußen regnete es. Schon wieder oder immer noch, wer wusste das schon, denn in meinem Leben regnet es ja immer irgendwie und die Brücke war eine Mauer, nämlich das Stück, das die Zeit von der historischen Stadtmauer übrig gelassen hat. Auf ihr saß Mahzun, und neben ihm, stehend, mit freiem Oberkörper und völlig entrückt - Jesus.
Mahzun war ein Kumpel von Jesus und eine Art Antitürke, denn er machte all das, was er nicht durfte, genau wie Jesus, nur mit anderem religiös- kulturellen Hintergrund und das machte die Sachen noch viel schlimmer.
„Mann, die sind ja total stoned!“ stöhnte Siggi. ”Wie sollen wir die von da oben runterholen?“
„Misch hold keine von eusch eine runder!“ radebrach Mahzun und verfiel in einen kiffertypischen Kicheranfall. Beide hatten sich richtig die Birne zugeknallt.
„Jesus?“ - Hansen versuchte Kontakt aufzunehmen.
„ Eh, Jesus?!“ - Keine Reaktion.
Jesus stand einfach nur da oben, starrte irgendetwas in der Ferne an und reagierte überhaupt nicht. Seine Haare klebten ihm im Gesicht, sein Hemd hatte er sich um die Hüfte geknotet und im Schein der Straßenlaterne sah er aus wie - - Jesus.
„Man sind die breit.“ stöhnte Siggi ein zweites Mal, als plötzlich und wie auf ein Zeichen, Jesus zu tanzen begann. Musik gab es keine, aber leise, ganz leise sang er:
„Don’t worry about a thing
Cause every little thing gonna be alright
Singin, Don’t worry about a thing
Cause every little thing gonna be alright…”
Das war Bob Marley! Das wusste ich genau, denn ich hatte mit Jesus schon auf vielen, von ihm gestartete, Bobpartys gefeiert.
„Jesus, hast Du Bock auf ne Bobfeier?“ rief ich mit aufkeimender Hoffnung in der Stimme. Vielleicht war das der Weg, ihn von da oben runter zu holen. Doch zu unser aller Überraschung und mit einemmal, drehte sich Jesus zornigen Blickes zu mir, zeigte mit den Fingern auf mich und schrie: „In your face, In your face“, immer und immer wieder und Kicher- Mahzun stimmte ein.
„Oh Man, das wird ja immer bekloppter.“ nörgelte Siggi „Gleich kommen die Bullen und dann ist die Kacke am Dampfen, erklären können wir das auch nicht und…“
Weiter kam er nicht, weil Jesus nämlich von der Mauer fiel, leider auf deren andere Seite.
„Na toll, wie sollen wir den jetzt finden?“ fragte Möhn.
„In dem wir ihn suchen.“ ätzte wir ihn im Chor an.
Schließlich fanden wir ihn. Er hatte sich an diesem Tag beide Arme gebrochen und ein Herz dazu, denn wie er später im Krankhaus erzählte, musste Gülnaz zurück in die Türkei. Deswegen hatte er sich so weggeballert und das war, wie wir einstimmig befanden, ein guter Grund sich mal auszuklinken.
Gülnaz hat er nie mehr wieder gesehen, Mahzun schon und Dank seiner besten Freunde, konnte er auch mit zwei gegipsten Armen kiffen und dann feierten wir die größte Bobparty, die die Welt je gesehen hat.
Am 24. April 2004 ist Jan gestorben. Das ist für Dich Alter, in memories…

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