Mittwoch, 26. April 2006
Die scheue Geschichte der Boshaftigkeit oder The Evil House of Daisy Delien
In einem kleinen Ort, dessen Name und Lage aus verständlichen Gründen nicht genannt werden sollen, kam es vor nicht all zu langer Zeit zu nachfolgenden beschriebenen Ereignissen. Das diese nicht kundgetan wurden hängt vor allem damit zusammen, dass die knapp 200 Dorfbewohner eisernes stillschweigen bewahrten. Ich, einer von Ihnen und Augenzeuge, kann aber nicht länger schweigen, denn jede Nacht kommen die Bilder zurück und rauben mir den Schlaf.
Alles ereignete sich im Herbst letzten Jahres, wenngleich die Geschichte scheinbar viel früher beginnt.
Unser Dorf ist wie gesagt sehr klein. Wir haben einen Bäcker, eine Tankstelle, einen Friseur und das war es auch schon. Jeder kennt hier jeden. Vor 10 Jahren etwa, entschloss sich das staatliche Bahnunternehmen eine Nord – Südverbindung durchs Land zu legen. Dies hatte damals zur Folge, dass einige Höfe und Grundstücke von der Verbindungsstrasse abgeschnitten wurden und somit nicht mehr bewohnbar waren. Alle Betroffenen erhielten aber eine Entschädigung und die Möglichkeit, ein verbilligtes Stück Land zu kaufen, um sich dort neu niederzulassen. Die meisten nutzten diese Chance, mit Ausnahme von Daisy Delien. Daisy wohnte in ihrem alten Haus außerhalb des Dorfes und war ein scheuer Mensch. Niemand wusste irgendetwas über sie oder ihre Verhältnisse, außer, dass ihre Familie schon immer hier wohnte.
Sie wehrte sich vehement gegen eine Umsiedlung. Die Bahngesellschaft versuchte eine sehr lange Zeit, sich gütlich mit Daisy zu einigen. Als alle Versuche fehlschlugen, überwies man ihr einfach das Geld, stellt die Stromversorgung ein und überließ sie sich selbst. Eine Zeit über muss Daisy dort noch ausgeharrt haben, aber irgendwann, niemand weiß genau wann, stand das Haus plötzlich leer. Was aus Daisy wurde ist bis heute ein Geheimnis und ihr Haus wurde immer gemieden, bis zum Herbst letzten Jahres!

Letzten Herbst hatte die Samtgemeinde ein kleines Fest. Die Feuerwehr hatte geladen, um die Einweihung des neuen Schlauchhauses zu feiern. Natürlich waren alle gekommen, gab es doch viel zu selten solche Festivitäten. Auch ich war da.
„Sag mal, “ fragte mich Tim, ein Freund, der aus dem Nachbarort kam, „warst Du schon mal bei Daisys Haus?“
„Ja, aber das ist schon lange her. Da wohnte sie noch dort.“
„Hervorragend, dann kannst Du uns ja hin führen? Wir wollten dort mal vorbei schauen und vielleicht ein bisschen Party machen.“
Ich war von dieser Idee nicht angetan, ließ mir aber nichts anmerken. Zu schnell und zu leicht wurde man hier zum Feigling gestempelt.
„Wer sind denn wir?“ fragte ich in betont beiläufigem Ton.
„JoJo, Loonie, Susi und ich.“
JoJo war der beste Freund Tims und mit Loonie liiert. Ich glaubte auch, dass Tim etwas mit Susi hatte und so wie ich es sah, war ich das fünfte Rad am Wagen.
„Na, da seid ihr doch ein hervorragendes Team. Wozu soll ich dabei sein?“
„Och Cabman, nun hab dich nicht so, Du kennst nun mal den Weg. Vielleicht schlafen wir auch da, das wird bestimmt lustig. JoJo hat es Loonie versprochen; sie will mal was richtig Heftiges erleben. Du weißt schon, mit Gruselfaktor!“
„Nein, weiß ich nicht, was soll an einem alten Haus gruselig sein?“
„Nun komm schon. Bist Du dabei?“
„Natürlich.“ gab ich mich irgendwann geschlagen, sonst hätte Tim den ganzen Abend genervt.

Wir trafen uns am nächsten Tag an der Bushaltestelle. Loonie, die schon achtzehn war, fuhr uns mit dem Wagen ihrer Mama. Ich saß neben ihr, da ich ihr den Weg zeigen sollte. Wir mussten nicht weit fahren, ca. 2 km außerhalb der Ortschaft ging rechts ein Stichweg ab, der früher einmal zu Daisys Haus führte.
„Wir müssen hier parken, der Weg nach unten ist nicht für Autos geeignet.“ gab ich mein Wissen kund.
„Na dann, “ verkündet Tim, sich als Anführer aufspielend, „wollen wir uns das Spukhaus mal anschauen.“
„TIM! Sag das nicht immer so!“ mimte Susi das kleine ängstliche Mädchen.
„Keine Sorge Susi. Wenn Super- Tim ausfällt bin ich auch noch da.“ produzierte sich JoJo.
Und mit den üblichen Albereien, derer ich mich im Detail heute nicht mehr genau erinnere, packten alle ihre Sachen und wir gingen die Böschung Richtung Daisys Haus hinab.
Schon bald war der ursprüngliche Weg zu gewuchert und wir mussten uns durch allerlei Gestrüpp und Gehölz kämpfen. Loonie fluchte und machte sich Sorgen, ob sie den Wagen abgeschlossen hatte und JoJo, ganz der liebende Freund, zog sie damit auf, als wir plötzlich aus dem dunklen Unterholz heraus und auf die Schienentrasse gelangten.

„Das ging schneller, als ich in Erinnerung hatte.“ wunderte ich mich.
„Ja, Ja, Erinnerungen sind schon etwas Komisches.“ antwortete Tim und schlug mir im Vorbeigehen die Hand auf die Schulter.
„Und jetzt?“ fragte Susi.
„Einfach auf die andere Seite und dann sehen wir weiter.“ sagte ich.
„Ja, aber passt auf. Nicht das es uns wie dem Jungen aus Stand by me geht.“
„Was?!“ fragte JoJo.
„Stephen King? Schon mal gehört? Auch gelesen? Der Junge, der von der Bahn überfahren wird?“ fragte ich etwas genervt.
„Eigentlich wird nur vermutet, dass der Junge von der Bahn überfahren wurde. Vielleicht ist er auch von einem Untier oder anderem zerrissen wurden.“ Verbesserte mich Loonie mit schelmischem Blick.
„Genau“, hakte JoJo ein „von der Hexe Daisy zum Beispiel.“ dabei grinste er und schickte sich an, die Gleise zu queren. Wir anderen folgten ihm.
Auf der anderen Seite stellten wir erstaunt fest, dass es einen Pfad gab. Er war nicht breit und auch nicht ausgetreten, aber eindeutig als Pfad zu erkennen und er endet genau an den Gleisen.
„Das ist merkwürdig, wieso gibt es denn hier einen Weg?“ dachte ich laut.
„Na damit die Rehe sich die Züge angucken können.“ witzelte Tim und die anderen lachten mit ihm.
„Los Cabman, wir wollen heute noch ankommen.“ unterbrach JoJo meine Gedanken und ging, dem Pfad folgend, an mir vorbei. Und wieder gingen wir anderen ihm hinterher.
So liefen wir eine Weile schweigend durch die Stille des Waldes, als sich plötzlich und unvermittelt Daisys Haus zwischen den Bäumen zeigte. Ein typisches Haus dieser Gegend. Holzfassade, rot gestrichen und mit Satteldach. Den Fenstern fehlten die Scheiben und sie wirkten wie Löcher in der Fassade.
Ich war beeindruckt und konnte kaum glauben, dass wir wirklich so schnell her gekommen waren. Den anderen schien es ebenfalls so zu gehen, waren sie doch seit dem Auftauchen des Hauses ganz still. Wir gingen weiter auf das Haus zu, das dadurch immer größer und bedrohlicher wirkte. Ja, es war alt und schäbig, aber es war auf gar keinen Fall einsturzgefährdet oder wackelig. Im Gegenteil. Es war noch immer sehr massiv und von einer dominierenden Präsenz.
„Coole Hütte.“ freute sich Tim und ging zum Eingang. Die Eingangstür lag verkohlt und aus den Angeln gehoben vor dem Haus, gerade so, als hätte jemand oder etwas die verschlossene und brennende Tür mit aller Wucht herausgetreten. Warum sollte man etwas einschließen und anzünden wollen, überlegte ich und während sich dieser Gedanke noch nicht richtig zu Ende geformt hatte, wusste ich auch schon die Antwort: Um etwas zu vernichten! Das Gefühl, dass mich dabei beschlich, fühle ich noch heute. Eine tiefe, uralte kaum zu beschreibende Angst, die einem die Luft nahm und den Magen sich verkrampfen ließ. Die anderen schienen all dies nicht zu bemerken. Sie drängelten sich fast ins Haus und begannen alles zu untersuchen.
Meine Angst hinderte mich im ersten Augenblick ihnen einfach zu folgen, aber nachdem sie lange genug gerufen und genörgelt hatten, unterdrückte ich dieses unangenehme Gefühl und tat es ihnen gleich.
Sobald ich das Haus betrat, stand ich schon in der Küche. Die Schränke waren geöffnet, über die Jahre hatte sich die Natur zurückgeholt, was ihr einst gehörte. Moos wuchs an der Decke, überall lag Laub und in den Ecken hatte sich Schimmel gebildet. Mir fiel auf, dass alle Beschläge, Türen und Öfen fehlten. Wahrscheinlich hatten Antiquitätenhändler einiges dafür bezahlt.
„Das ist echt spooky. Wir sollten es zu unserem Partyhaus ausbauen.“ meinte Tim lachend, und Susi, die ihm wie ein Dackel hinterherlief, sagte, nun mit wirklicher Angst in der Stimme: „Lass mich hier bloß nicht alleine!“
Ich ging die Treppe nach oben. Das Obergeschoss bestand aus zwei Räumen mit niedriger Decke. Im hinteren Raum standen JoJo und Loonie in inniger Umarmung und küssten sich.
„Dieser Raum gehört uns.“ rief JoJo mir grinsend zu, als er mich bemerkte.
„Ok. Whatever. ich hatte sowieso nicht vor zu bleiben.“ und damit ging ich die Treppe wieder hinunter, die ziemlich steil war.
Draußen vor dem Haus standen Tim und Susi und diskutierten heftig. Susi hatte offenbar keine Lust da zu bleiben, und Tim versuchte sie zu überreden.
„No way Tim. Das war nicht ausgemacht. Du wolltest es nur mal sehen! Da ist es und nun gehen wir bitte wieder nach Haus, ja?“ Er hatte ihr nichts von den Übernachtungsplänen gesagt.
„Aber Schatz schau mal. Lass uns doch die Nacht hier mit den anderen verbringen. Du wirst sehen das wird richtig cool. Damit sind wir Helden.“
„Ich habe aber keine Lust ein Scheiss- Held zu sein.“ Susis Stimmer klang hysterisch. Sie hatte Angst und wir alle hätten damals besser auf sie gehört.
Tim gelang es dann doch irgendwie Susi zu beruhigen und davon zu überzeugen, dass es hier ungefährlich sei. Für JoJo und Loonie war sowieso klar das wir bis zum nächsten Tag hier bleiben würden und so entzündeten wir ein Lagerfeuer und bereiteten uns auf die Nacht vor, die bereits über die Bäume gekrochen kam.

Wir saßen zusammen um das Feuer, erzählten uns lustige Geschichten aus unseren jungen Leben, aßen ein paar Kekse und tranken die Cola-Whisky Mischung, die JoJo mitgeschleppt hatte, als er plötzlich sagte:
„So, wir gehen jetzt schlafen.“ und mit diesen Worten erhob er sich und zog dabei Loonie mit.
„Wo wollt ihr denn hin?“ fragte Tim.
„Na wenn wir schon ein so prächtiges Haus vor der Nase haben, sollten wir es auch bestimmungsgemäß benutzen, oder?“
„Ich weiß nicht“, meinte Susi „findet ihr das nicht ein bisschen unheimlich? Wir sollten beisammen bleiben.“
„Können wir ja. Ihr müsstet nur mitkommen.“
„Ins Haus?! Keine Chance. Ich bleib hier!“ entgegnete Susi mit aller Entschlossenheit und Nachdruck, so dass jegliche Diskussion darüber von vornherein ausgeschlossen war.
„Ok, wir ihr wollt. Wir gehen auf unser Zimmer“ grinste JoJo mich an. „Gute Nacht.“

Ich wachte mitten in der Nacht auf, weil ich Geräusche hörte. Ich brauchte nur einen Augenblick um festzustellen, dass die Laute aus dem ersten Stock des Hauses kamen, da wo JoJo und Loonie schlafen wollten. Offensichtlich hatten sie Sex. Doch plötzlich und unvermittelt erfüllte ein Schrei die Nacht. Es war Loonie. Und dann war für eine unendlich dauernde Zeit absolute Stille. Kein Mucks, kein Tier nichts war zu hören, nur verstörende Stille. Und dann, mit einem Getöse und von animalischem Geschrei begleitet, kam etwas die Treppe hinunter gehastet. Tap, Tap machte es jedes Mal, wenn ein schwerer Schritt wieder eine Stufe nahm. Ein flackerndes Licht war in der Türöffnung zu sehen, dass immer intensiver wurde je weiter die Person die Treppe runterkam und unversehens stand sie in der Tür. Ihr Kopf brannte lichterloh doch ich konnte nicht erkennen wer es war. Schwankend kam die Person aus dem Haus. Ich sprang auf und eilte zu ihr. Als ich dicht genug dran war, um zu erkennen wer es war, stockt mir der Atem und das Blut gefror in den Adern. Es war JoJo! Ihm fehlten die Augen und da, wo mal sein Mund war, war nichts weiter als blutiger Brei. Wie ferngesteuert kam er auf mich zu und wollte mich greifen, aber es funktionierte nicht, denn da, wo seine Hände hätten sein sollen, waren nur blutige Stümpfe. Er schien auch etwas sagen zu wollen, aber es gelang ihm nur ein unverständliches Grunzen und mit einmal, als hätte ihn etwas gerufen, spannte sich JoJo´s Körper und er rannte los, rein in den Wald und dem Pfad folgend, den wir gekommen waren. Für eine Weile sah ich nur den Schein seines brennenden Kopfes, der immer schwächer wurde. Und dann war es wieder finstere Nacht und absolute Stille, so als ob nichts gewesen wäre.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und rannte ins Haus, um Loonie zu suchen. Ich fand sie oben. Ihr Gesicht war schneeweiß und die Augen völlig ausdruckslos. Sie sagte nichts und starrte mich nur an.
„Was ist passiert Loonie??“ schrie ich sie an, aber sie reagierte überhaupt nicht.
Ich schüttelte sie, um sie aus ihrer Starre zu befreien und für einen kurzen Bruchteil waren ihre Augen ganz klar und sie sagte: „Wir haben nicht hinter die Tür geschaut.“
Und dabei zeigt sie auf eine Stelle hinter mir. Ich drehte mich und sah eine Tür, die nun weit offen stand. Als wir mittags hier waren hatte ich sie gar nicht gesehen, sie war perfekt in die Wand eingelassen.
„Was ist passiert? War jemand hier?“ schrie ich sie wieder an, doch das soeben gesprochene sollten die letzten Worte bleiben, die Loonie seid den Geschehnissen an eine Person gerichtet hat. Sie versank in eine andere Welt.
Draußen suchte ich Tim und Susi, fand sie aber nicht. Beide waren weg. Ich rief nach ihnen, bekam aber keine Antwort. So nahm ich Loonie und wir machten uns auf den Weg nach haus…







Genau so hat es sich dazumal zugetragen und nun sitze ich hier in der Psychiatrie des Landeskrankenhauses, genauso wie Loonie, die nicht mehr spricht. Mir glaubte keiner und je mehr ich auf meine Geschichte beharre, desto mehr ist man davon überzeugt, dass ich auf einem Trip festsitze. Die Untersuchung des Hauses hat nichts Ungewöhnliches ergeben. Tim und Susi gingen in der Nacht nach Hause und dachten es wäre lustig, wenn wir sie am nächsten Morgen vermissen würden. An den Gleisen fand man einen Schuh, den man eindeutig als JoJo`s identifizieren konnte. Er selbst galt als Ausreißer mit elterlicher Vermisstenanzeige. Dass er tot sein sollte glaubte niemand. Vielleicht war er auch gar nicht tot, ich habe ihn ja nur wegrennen sehen. Wer weiß denn schon, ob der Junge wirklich vom Zug überfahren wurde und ob in den Keksen wirklich nur ein bisschen Dope war.


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Ja, diese Ecke des Blogs kommt ihnen zu Recht bekannt vor. Hier sollte sie damals präsentiert werden.
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