Donnerstag, 22. März 2007
Der Besuch
Ganz hinten am Horizont, überm See, da wo mehr Wünsche und Hoffnungen abstürzen, als russische Flugzeuge, da wo für manche die Welt endet, bilden die Bäume des ufernahen Waldes eine schwarze Silhouette. Auf ihr, so scheint es, rollt der feuerrote Ball einer Sonne, die sich dem Untergang verweigert.

„Kämpfe!“, denkt sich James und lässt die Zigarette rot aufglühen gerade so, als wolle er die Schmach des nahenden Niedergangs verhindern. Doch nichts, was in seiner Macht stünde, würde dem ewigen Lauf von Werden und Vergehen Einhalt gebieten können. Ein betrüblicher Gedanke, wie James fand und dabei die Kippe kraftlos in der alten Konservendose aus drückte.

Jeden Abend saß er hinten auf der Holztreppe seiner Veranda, die schon vor vielen Sommern einen neuen Anstrich verdient hätte, doch vor vielen Sommern war vieles anders, besser vielleicht. James war sich darüber nicht sicher.

„Mmhutterr“, rissen ihn Ibsens Worte aus seinen Gedanken, der ein paar Stufen unter ihm saß und Kekse aß. Ibsens schaute James dabei nicht an, starr schaute er auf den See und kaute seinen Keks, ohne ihn wirklich essen zu wollen, eher als Beschäftigung.

„Ja. Bald“, antwortete James ihm und sein Blick, in dem so viel Zärtlichkeit und Liebe lagen, ruhten auf Ibsens Rückenpartie. Er war ein schöner Junge und diese Tatsache allein ließ James jedes Mal verzweifeln, traurig werden, wenn er an all die Dinge dachte, die es hätte geben können und nun für immer ausgeschlossen waren. Diese Endgültigkeit und Ohnmacht, es akzeptieren zu müssen, die Hilflosigkeit und nichts dagegen tun zu können, haben James über die Jahre bitter werden lassen.

Er wiederholte sich, mehr wie eine Beschwörung seiner selbst denn an Ibsen gewand; dieser verstand die Worte wahrscheinlich nicht. „Bald.“

James stand auf und ging die Stufen hinab zu Ibsen.
„Zeit ins Bett zu gehen, alter Junge.“, sagte er mit gütigem Lächeln und nahm dabei Ibsen an die Hand. Dieser ließ sich willig fortführen. Roboterhaft folgte er James und es schloss sich das ewig gleiche abendliche Ritual an.

James wusch Ibsen, kleidete ihn um, legte ihn ins Bett, sorgt dafür, dass er nicht rausfallen konnte und überall Decke war, las ihm einer der vielen Kindergeschichten vor, strich ihm das Haar aus der Stirn, küsste ihm selbige und sagte `Gute Nacht, Ibsen`, bevor er das Licht losch. Vergehen eines Ibsen Tages.

Während des Frühstücks am nächsten Morgen, als James missmutig sein Müsli löffelte, begann er mit Ibsen zu reden. Er tat dies oft, wenngleich es eher eine Artikulierung seiner Gedanken war, denn Ibsen hörte ihm vielleicht nicht zu. James war sich darüber selten sicher. Verstand Ibsen ihn, oder nicht? Hatte Ibsen vielleicht nur keine Möglichkeit sich auszudrücken? James wünschte es sich manchmal für Ibsen. Wünschte ihm die Freiheit im Kopf, wenigstens in Gedanken dass zu sein, was er wollte. Und manchmal wünschte er es ihm nicht.

James fand dann die Vorstellung erschreckend, dass ein wacher Geist in diesem dahinvegetierenden Körper gefangen ist, unfähig sich zu entfalten und zu entwickeln.

„Weißt du Ibsen, ich habe darüber nachgedacht. Du hast recht.“

Ibsen zeigte keine Reaktion, etwas scheinbar Wichtiges hatte seine Aufmerksamkeit auf die schmutzig milchige Scheibe der Küche gelenkt. James folgte seinem Blick, doch er konnte nichts erkennen.

„Ich glaube“, sprach er, während er sich wieder seinem Müsli zuwandte, „wir sollten einen Ausflug machen. Was meinst du, hättest du Lust? Ich denke es wird dir gefallen. Aber es braucht ein paar Vorbereitungen. Du weißt ja, wir sind knapp bei Kasse. Doch mach dir keine Sorgen, ich werde alles für uns richten.“

Ohne wirklich eine Reaktion zu erwarten, schaute James Ibsen an, nickte ihm zu und bestätigte, mehr für sich selbst, Vorangegangenes mit einem entschlossenen, „Ja, so machen wir es.“

Der Sommer kam. James hatte genug gespart, um all die Besorgungen zu erledigen, die es brauchte um den Ausflug vorzubereiten. Er kauft lange getrocknetes Holz, einen neuen Hobel, Beitel, Hammer, Bohrer. Er verbrachte alles runter zum alten Bootshaus und zeigte es Ibsen.

„Siehst du alter Junge, gib mir ein bis zwei Monate und wir sind startklar.“

James Augen leuchteten, als er Ibsen sagen hörte: „Mmhutterr“. James versuchte, zu glauben, dass dies eine Antwort wäre, doch eigentlich wusste er es besser. „Bald.“, antwortete er ihm.

James arbeitete jeden Tag hart. Er setzte aus Sparren das Gerippe zusammen, schliff Planken, sägte, passte an. Alles sollte traditionell gebaut werden. Dadurch war es harte körperliche Arbeit, die ihn sich lebendig fühlen ließen. Er hatte ein Ziel und er wollte sein Bestes tun, dass dieses Ziel mit Bravour erreicht wurde. James schonte sich dabei nicht und nur dann, wenn es Zeit war, sich um Ibsen zu kümmern, ihn zu füttern, ihn zu Bett zu bringen, unterbrach er seine Arbeit.

Die Tage vergingen, Holznägel wurden in Bohrlöcher getrieben, der Rumpf erkennbar und mit jedem Arbeitsschritt kam James seinem Ziel näher, er fühlte sich leichter ums Herz. Und endlich, als fallende Blätter das Ende des Sommers ankündigten, wachste James das fertige Boot.

Er war mit dem Ergebnis einer Arbeit sehr zufrieden. Der Rumpf war bauchig, das Boot bot dadurch viel Platz, es gab kein schöneres auf dem See. Natürlich brauchte es einen Namen. Er holte Ibsen zu sich, der, wie immer während der ganzen Zeit, neben ihm auf einer alten Kiste saß und Kekse aß.

„Es ist vollbracht, mein alter Junge. Was glaubst du, wie soll das Boot heißen?“

Ibsen antwortet nicht. Er stand still neben ihm und betrachte starr eine Planke des Rumpfes.

„Vielleicht hast du recht. Ich denke auch, dass ihr Name passend wäre.“

Mit diesen Worten entzündete James die alte Lötpistole und brannte in schwungvollen Lettern den Namen Sophie am Bug ein. Als er damit fertig war, trat er einen Schritt zurück, um sich das vollendete Werk anzuschauen.

„Sie war und ist eine Schönheit.“ James lächelte. Werden im Leben eines Bootes.

Der Tag des Ausfluges brach an. Im Osten ließ die Sonne den Himmel purpurn leuchten, auch wenn sie noch nicht zu sehen war. Die nasse Kälte der Nacht hatte sich noch nicht verkrochen, so dass James fröstelte, als er, auf seiner Veranda stehend, den See überblickte.

Nebelschwaden krochen übers Wasser, die ersten Zugvögel waren auf ihrem Weg in sonnigere Gefilde und James fand, dies wäre ein guter Tag für ihren Ausflug.

Er legte zwei gepackte Säcke in das Boot, einen Korb, setzte Ibsen hinein, stieß das Boot ab und nahm Platz auf der Ruderbank. Ibsen saß Achtern und lutschte auf seinem Keks, während James das Boot mit ruhigen und gleichmäßig kraftvollen Zügen auf die Mitte des Sees steuerte.

Still war es, nur das rhythmische Platschen der Ruder war zu hören. Weit draußen angekommen, nahm James die Ruder aus dem Wasser und verharrte ein paar Minuten, nur die Lautlosigkeit des anbrechenden Tages zu genießen.

„Weißt du Ibsen“, begann er, doch unterließ es dann, seine Gedanken weiter auszuführen. Stattdessen band er einen der Säcke an Ibsens Beine und den anderen an seine. Ibsen schaute auf irgendetwas am Horizont und sein Aussehen, dieses Gesicht in völliger Entspanntheit, das keine Sorgen kannte, ließ James Lächeln. Ibsen war ein wirklich schöner Junge, dachte er sich und beugte sich zu ihm, streichelte ihm die Wangen, hielt inne, betrachtete ihn, küsste ihn dann auf die Stirn und sprach: „Ich liebe dich.“ Ibsen bekam von all dem nichts mit.

James fingerte eine Zigarette aus der Packung und entzündete diese. Er inhalierte tief und als sich der entspannende Rausch des Nikotins um seine Nervosität gekümmert hatte, zog er den Verschluss am Boden des Bootes auf und sah zu, wie, erst langsam und dann immer schneller, der Rumpf voll Wasser lief.

Ibsen hatte die Kälte des Wassers an seinen Füssen gespürt und schaute nun an sich hinab.

„Keine Angst, alter Junge, es beißt nicht und tut nicht weh. Ich versprech es.“

James zog an der Zigarette.

„Mmhutterr?“, schien Ibsen zu fragen.

„Heute und hier werden wir sie wieder sehen.“

Das waren die letzten Worte, die die Welt von James hörte. Vergehen und Werden, was immer, am Tag, als Ibsen und James Sophie besuchten.


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Mittwoch, 21. März 2007
Was soll mir das denn nun sagen?


Irgendwie im Dentallabor vertrocknet?


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Dienstag, 20. März 2007
Best of Cabman Vol. 01
Das Wissen im Internet verdoppelt sich wie oft? Keine Ahnung. Oft. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern ist überholt. Nichts ist so alt wie ein Weblogineintrag von letzter Stunde. Man schau sich nur die update-Liste bei Blogger.de an. Also, daher ist es nur gerechtfertig, so nach einem Kalenderjahr, was im Internet vielleicht 7 Jahre sind, ein Best of rauszubringen. Hier Kleinode aus dem Archiv. War schwer, da ich naturgemäß fast alles toll finde. Hoch die Tassen, auf ein neues Jahr, mag es schwerer werden, wir werden uns trotzdem keinen Bruch heben, denn wir sind viele, oder?

Beethoven, Dvorak, Chopin und ich

Cabman und die grossen Tiere

64 Stunden Wien

Mein Tattoo wartet in Nürnberg

Eine Liebe

Katzentanz

Die Einsamkeit des Hotelzimmers

Uelzen, Uschi und ein Mecerdes 600

Der Fall Jesus

Mit Frau Bona im Scho Schonenland


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Liebe Gesamtsituation, kommt da noch was?
Es ist ja so, man kann nicht immer nur gewinnen. Man kann viel dafür tun, Garantien gibt es aber keine. Ich dachte, ich wäre gut vorbereitet gewesen, hätte alles im Griff, doch wie immer, kam alles anders. Die Dinge, die ich selber steuere, laufen: Wohnung, Krankenkasse, Strom, Telefon, Lohnsteuerkarte, alles am Laufen. Die Dinge, bei denen ich von anderen abhängig bin, laufen natürlich nicht. Ist klar und auch ein Selbstgänger, ich werde nicht geliebt, passt schon.
So übe ich mich im Warten, etwas was ich nur schwer kann, eigentlich gar nicht, halte ich es doch für Zeitverschwendung. Der stete Unsicherheitsfaktor, die Frage, ob das noch mal was wird, fängt an mich zu nerven und allmählich läuft mir auch die Zeit davon. Termine stehen vor der Tür, wichtige Termine und man mag sich denken, zum Glück stehen sie da und sind nicht gleich mit der Tür ins Haus gefallen, denn in diesem Fall sähe es dramatischer aus, auch für die Tür, was das wieder kostet.
Schön ist es in der Wohnung, doch auch der schönste geschliffene Holzboden kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass irgendwie was fehlt. Möbel wären nicht schlecht, ich hätte gern meinen ökologisch nicht vertretbaren alten Schreibtisch und mein Bett. Ich hätte auch gern die Gewissheit, dass alles abgeschlossen ist. Ich würde mich gern in diesem Gefühl suhlen, nicht mehr an solche Dinge, wie einen Kühlschrank, denken zu müssen. Ich will diesen ganzen Umzugsmist abschließen, den Kopf frei bekommen. Will ich. Krieg ich aber nicht. Erstmal nicht. Wir arbeiten aber daran, sagt der schwedische Spediteur. Ich fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, wie schön es sich zwei Wochen mit 5 Hemden und 3 Hosen lebt, wie nett es ist, dass man immer als Bittsteller bei seinem Kumpel aufschlägt, kann ich mal waschen? Krieg ich nen Kaffee? Will ich nämlich eigentlich gar nicht.
Im Roxie´s begrüssen sich mich schon mit Vornamen und fragen: Wie immer? Man hängt lange im Büro rum, geht als Letzter, danach ins Roxie´s, Abendblatt lesen und was essen. Und dann, wenn es ganz schlimm kommt, finde ich mich draußen im Wagen wieder, Nieselregen schwebt über Hamburg, kalt ist es, doch ich kann Musik hören, ein bisschen Cure, Charlotte Sometimes. Schönes Lied, erstes Lied, welches ich jemals von denen hörte und ich denke mir, egal was kommt, ich lass mich nicht davon ficken. Schick Armeen und keine Hilfstruppen, du dummes Leben. Aber, und das ist ne Tatsache, angepisst bin ich doch. Man wird gereizter, es fehlt die Sicherheit, die innere Sicherheit, das Rückzugsrefugium und die Möglichkeit sich zu erholen. Heckenpennermatrazenschläfer bin ich und das ist etwas was ich nicht will. Es aktiviert dieses Unbehagen, dieses Gefühl wieder ganz unten zu sein. So wie damals im Auffanglager für Zonendödel. Zwei Monate BGS-Kaserene prägen. Zwei Monate zwecks Meldeerfassung, in denen ich mir so entwürdigt vorkam, immer musste man fragen, immer musst man sich an Essenzeiten halten, Gemeinschaftsduschen und Vierbettzimmer, ich habe mich so geschämt für manch Wechselwilligen, weil diese sich wie Assis benommen haben. Gesoffen wie die Löcher haben sie, jeden Abend, gegrölt und nicht begriffen, dass die Zeit der Bevormundung vorbei war, dass sie nun selber ihr Leben in die Hand nehmen müssen. Mancher von denen hat es dann auch nicht gepackt, ist wie ein geschlagener Hund wieder zurück und ich habe gelernt, dass Lagerkoller tatsächlich existiert.
Grausame Zeit, in der ich mich sehr unwohl fühlte und an die ich mich gerade sehr lebhaft erinnere und wenn man so will, ist es vielleicht nur ein Trauma, dass es zu verarbeiten gilt. Na dann, volle Fahrt Trauma, ich box dich nieder, denn die Vorzeichen sind andere. Es wird ein Leben nach dem Umzug geben, irgendwann werde ich mein Werkzeug haben, irgendwann werde ich die Küche fertig aufgebaut haben und mit der Einen im schicken Bett rumkullern. Irgendwann benutze ich wieder meine eigene Kaffeemaschine und höre auf meine Anlage meine Musik, in großer Auswahl und irgendwann bin ich online und blogge ich mich zu Tode und irgendwann wird dieses irgendwann einreffen, spätestens mir meinen Möbeln, denke ich mal. Bis dahin Lächle ich die Gesamtsituation genervt an, so wie bei einer Schlägerei, wenn man schon erledigt ist und den Gegner nur noch mal provozieren will: Mehr hast du nicht drauf? Schwach!


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