Freitag, 8. Dezember 2006
34 Berliner Kindheit
"Wenn wir dann, die Sachen fest eingeschlagen und verschnürt im Arm, in die Dämmerung hinaustraten, die Droschke vor der Haustür wartete, der Schnee unangetastet auf Gesimsen und Staketen, getrübter auf dem Pflaster lag, vom Lützowufer her Geklingel eines Schlittens anging, und die Gaslaternen, die eine nach der anderen sich erhellten, den Gang des Laternenanzünders verrieten, der auch an diesem süßen Abend die Stange hatte Schultern müssen - dann war die Stadt so in sich selbst versunken wie ein Sack, der schwer von mir und meinem Glück war."

> Aus: Walter Benjamin, Berliner Kindheit um neunzehnhundert


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Dienstag, 5. Dezember 2006
18 Et weihnachtet sehr!
„Weißte, früher da war dat ja alles anders, ne“, meinte Pepe und hob zu einem großen Schluck an. Mit gierigem Kehlkopf spülte er sein Bier den Rachen herab und stieß das leere Glas auf die Theke. Mit zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen fokussierte er den großen Busen von Babs, der „Thekenmaus“, wie er sie immer wieder gerne nannte. Babs polierte fachmännisch ein paar trockene Gläser und ignorierte Pepes schmachtenden Blick.
„Also früher“, hob Pepe erneut an, „früher, da war dat alles viel einfacher, verstehste was ich mein? Da haste deine Familie gehabt und dann haste ordentlich gefeiert bis in die Puppen, ne. Da haste dir ordentlich einen hinter die Binde gegossen, zusammen mit dem Vatter und dann war dat alles gut. Heute“, rief Pepe und hob eine Hand in die Luft und zappelte mit ihr herum, „heute, da ist is dat nich mehr so. Da rennste auf der Straße rum mit so nem Handy in der Hand und schreist da rein und am anderen Ende is dein Vatter und der schreit in sein Telefon, so nen Ding mit Wahlscheibe, wie früher, ne. Aber der schreit nich, weil du wat Böses sachst, sondern, weil der denkt, du hörst den nich, weil du bist ja ordentlich weit wech, ne.“ Pepe schüttelte den Kopf und schaute in die Runde.
In seiner Stammkneipe war nicht viel los. Nur ein paar vereinzelte traurige Gestalten saßen an den Tischen und schauten in ihr Bier. In das „Holgereck“ kamen viele nur, um zu trinken und zu vergessen. Dass das Zweite besser mit dem Ersten ging, dachten viele, und kamen hierher und tranken und vergaßen. Auch Pepe trank, aber er vergaß nie, sondern erinnerte sich. Er schaute dabei immer wieder auf die Brüste von Babs, der „Thekenmaus“, wenn er sich erinnerte und dann grinste er und trank. Das war Pepes Leben. Pepes Leben neben Hartz IV und neben der Zweizimmerwohnung, die er zusammen mit seiner Frau bewohnte. Seine Frau, die Gundi, die sah den lieben langen Tag Talkshows. Das war nichts für Pepe, also kam Pepe ins „Holgereck“ und trank und erinnerte sich und schaute Babs auf die Brüste.
Babs hatte sein leeres Glas bereits gegen ein volles getauscht. Pepe drehte sich wieder zu ihr und bedankte sich erst mit einem Lächeln, dachte dann aber, dass er seiner „Thekenmaus“ nicht nur mit einem Lächeln danken sollte, sondern ihr auch sagen müsste, dass er dankbar sei, denn Babs wurde von vielen Männern angelächelt, die sich aber nicht bedanken, sondern bitten wollten. Um Sex und so. Pepe dachte natürlich auch, dass man mit Babs Sex haben könnte, aber dann dachte er auch immer schnell wieder an seine Frau und dann war gut.
„Babs, du bist echt ne Gute, weißte dat? Ne, echt, ich mein dat mit ganzem Ernst und so. Du bist echt ne gute Seele und man sollte dir dat immer danken, wenn du nen Bier machst, denn du machst nen Bier mit ordentlicher Krone und mit nem Lächeln auf’m Gesicht und so. Da hab ich schon ganz andere gesehen, die machen das nich so freundlich und mit Krone, so wie du.“ Pepe hob anerkennend sein Glas und nahm einen großen Schluck.
„Weißte, Weihnachten, dat erinnert mich immer an früher, weil, dat is halt immer so ne Familienkiste gewesen, ne. Sa saß der kleene Pepe am Tisch mit seiner Mudder und seinem Vatter und mit dem Bruder und dann gab et ordentlich wat zum Kauen. Obwohl wa nich viel Geld hatten, früher, ne. Aber dat haben wa heute ja auch nich so wirklich. Aber früher, da hatten wa noch weniger gehabt und trotzdem hat dann die Mudder so nen Braten auf’n Tisch gestellt und allet war gut! Da hatten wa Spaß und dann haben wa ordentlich einen getrunken und mein Vatter hat sich nach drei Bier auf die Couch gelegt, weil der immer müde wurde vom Bier. Und wenn der Vatter dann eingeschlafen war, dann hat die Mudder erst die Geschenke und dann den Likör rausgeholt, weil, der Vatter, der sollte erstens nich merken, dat die Mudder noch mehr Geschenke hatte und zweitens auch nich, dat es noch Likör gab, denn Likör, den konnte der Vatter saufen bis er umfiel. Mann, dat war immer ne Geschichte, ne.“
Pepe schaute tief in sein Glas, als ob er dort seine Familie entdecken könnte. Hinter ihm rumorte es an einem Tisch. Eine Frau stand auf und kam zur Theke herüber, einen Zwanziger in der Hand und zahlte wortlos ihre Zeche. Babs verstaute das Geld in der Kasse und machte sich wieder an das Gläser polieren. Pepe dachte sich, die Frau, die würde er auch ganz gerne mal… Aber dann dachte er wieder an seine Frau, die Gundi, die zuhause saß und Hähnchenschenkel briet, damit Pepe, wenn er nach Hause kam, was zu essen hatte.
„Mein Vatter, der kam früher auch mal als Weihnachtsmann durch die Tür, so mit ner Mütze auf’n Kopp und so nem roten Umhang um und nen kleenen Sack in der Hand. Da war immer nie wat drin gewesen, aber dat hat er auch nie sagen müssen, denn mein Bruder und ich, wir standen dann da mit weiten Augen und starrten, und ich, der Kleene, ich hatte dann meistens auch Angst und so. Einmal, da hab ich mir ordentlich in die Hose geschissen gehabt. Also, jetzt so echt, ne. So richtig. Vor Angst. Dat war auch dat letzte Mal gewesen, dat mein Vatter den Weihnachtsmann gemacht hat. Obwohl dat immer ne schöne Sache gewesen war, ne.“
Babs wischte teilnahmslos über die Theke. In den Lautsprechern der Stereoanlage knistere „White Christmas“ und Babs lächelte selig, als sie Crosbys Stimme hörte, denn dieser Song erinnerte sie mal an Weihnachten. Nicht, weil Weihnachten war, sondern wegen seiner Bedeutung. Aber das konnte Pepe nicht verstehen und auch kein anderer hier. Also wischte Babs die Theke, während Pepe sein Bier austrank und Geld aus seiner Hosentasche zog.
„Babs, ich werd dann mal“, sagte er und legte einen Zehner auf den Tresen. „Der Rest is dann für dich, ne. Kannste behalten und dir wat Schickes kaufen, wenn die Läden wieder auf haben. Ich muss dann mal. Gundi macht Hähnchenschenkel, die Gute. Die Gundi, also meine Frau, ne, die is auch ne Gute. Dat sach ich der heute Abend auch und dann geb ich der mal wieder nen ordentlichen Kuss. Aber nich eifersüchtig werden, Babs, ne!“
Pepe zwinkerte Babs zu, die schmunzelnd abwinkte und das Geld in die Kasse steckte.
„Allet Gute zu Weihnachten“, sagte Pepe und dachte an seine Gundi, die zuhause Hähnchenschenkel briet und auf ihn wartete und gleich einen ordentlichen Kuss bekommen sollte. Pepe lächelte und trat in den viel zu milden Heiligen Abend.


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16 Play it loud on a Donnerstag
Zu Cabman's Adventskalender gibt es natürlich eine ganz besondere Ausgabe von Beety's Ohrenschmalz. Halt das Weihnachtsspecial.

Wo dieser Tage grausame Stücke wie Heitschi Bumbeitschi und Heidi Klum's Wonderland die Charts stürmen und Wham wie jedes Jahr wieder die Top 10 anführen werden, kann man nur froh sein, dass es noch Ausnahmen gibt. Ganz besondere Weihnachtslieder also, die vielleicht nicht jedermann's Geschmack bedienen, aber allesamt ein wenig ausgefallen sind.

Apocalyptica - Little Drummer Boy


Oh schön - eine klassische Version des Little Drummer Boy, mag man denken, wenn man Apocalyptica nicht kennt. Aber was wir hier haben, sind feinste düstere Weihnachten! Wohl bekomm's!

The Kinks - Father Christmas


einer der absoluten Anti-Weihnachts-Klassiker. Leider eine grausame Klangqualität - aber das Video ist auch echt schwer zu kriegen.

Monty Python - Christmas In Heaven


Das furiose Finale aus Monty Pythons "Meaning Of Life" - der Song darf natürlich nicht fehlen.

Rockapella - Santa Claus Is Coming To Town


witzige Acapella-Version der für Rock-Coverversionen bekannten Vocal-Truppe.

Ozzy Osbourne and Jessica Simpson - Winter Wonderland


Zu guter letzt nochmal ne wirklich kranke Kombi - aber trotzdem immernoch eins der schönsten Weihnachtslieder...


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14 Poor Boy
Ich habe mir neulich ne CD gekauft, an der hing auch ne Zeitung dran. Die besten unknown Indisongs. B steht zusammen, daher hier ein Tipp für ein Lied, dass mir gut gefällt, tief berührt und sollten die mal ne CD machen, dann kauf ich die. Fi meint, die singen über mich, was ich nicht glaube.





Originallink


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Donnerstag, 30. November 2006
13 Da steht sie...
...zwischen Burger King und der Fritte. Mit zusammengekniffenen Augen und zieht hektischen an ihrer Kippe. Passend da zu läuft sie wie eine Tiger im Käfig von links nach rechts und wieder zurück. Schwarz hat sie ihre habe gefärbt. Schwarz ist auch ihre Jacke und schwarz ist ihr Leggins. Ihr Beine stecken in weißen Turnschuhen. Und wenn man denen aufwärtsschaut, entlang an ihren Beinen, die wie eine gewaltige auf dem Kopf stehende Kegelform haben, dann wird man auch ihr graues Shirt sehen. Früher war es mal weiss. Jetzt häng es wie ein Theatervorhang über ihre großen Busen flattert im Wind und versucht den darunterliegenden Bauch zu verdecken.


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12 Kieckste schon wieder


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11 Kieckste


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10 Weihnachtsmarkt
Das Grauen der Republik während der Weihnachtszeit sind die Weihnachtsmärkte. Nicht, dass ich etwas gegen den Verkauf dieser kitschigen Pyramiden oder der Nussknacker aus dem Erzgebirge hätte. Das läuft ja noch unter Aufschwung Ost für ein unterentwickeltes Zonenrandgebiet, dessen bekannteste Persönlichkeiten Jens Weißflog und Stefanie Hertel sind. Letztere sind ja schon mitleidserregend genug um einen Großeinkauf für die gesamte Verwandtschaft zu starten. Würde neben diesen Pyramiden ein Bildchen vom Jens stehen und aus dem Off die Stefanie ertönen, ich würd kaufenkaufenkaufen.
Selbst handgefertigte Bienenwachskerzen aus dem Behindertenzentrum und guatemaltekische Steppdecken mit Christusmotiv vom Drittweltladen hätten meine Sympathie.
Schlimm aber ist die Vermarktung zu reinen Kommerzzwecken: Allein der bloße Anblick von Bratpfannen und Topfreinigern bringt diesen tief sitzenden Würgreiz hervor. Daneben steht dann meist irgendein Heini, der die neueste Reibe anpreist. Alternativ ein Fensterputzmittel. Mal ehrlich: Welcher Volltrottel kauft 1 Woche vor Weihnachten ein Fensterputzmittel?
Ergänzt wird das Trauerspiel meist durch die Nürnberger-Rostbratwurst-Fressbude der Freiwilligen Feuerwehr und dem Glühweinstand mit dem Billigfusel von Lidl der TuS 1860 Neuheim (Kreisliga). Die Abrundung erfolgt dann durch den überteuerten Crepeverkauf der Martinsgemeinde und von selbstbemalten Batiktüchern der Frauengruppe der VHS.
Jeder Depp meint, dass er da ums verrecken hin muss und so scharwenzeln ganze Frührentnergangs bereits am hellen Nachmittag durch die Buden und sorgen für Drängelei.
Nun wird der ein oder andere sagen: Geh halt nicht hin. Das aber ist leichter gesagt, als getan. Ich würde ja gerne nicht hingehen. Aber leider sind diese Märkte immer äußerst (un-)geschickt zentral platziert, sodass man auf dem Weg gen Downtown kaum dran vorbeikommt. Normalerweise liegen die Buden direkt vorm favorisierten Buchladen. Und von ein paar Schacherern lass ich mich nicht aus meiner Stadt vertreiben. Ich nicht.

Zudem treten sie immer in Massen auf: Es reicht nicht ein Markt in 30 km Umkreis, nein, es müssen mindestens 15 sein. Und das schlimmste: Kennste einen, kennste alle. Selbst die Verkäufer scheinen allesamt geklont: Irgendwo muss es da eine riesengroße Fabrik geben, die ausschließlich Weihnachtsmarktverkäufer herstellt. Vermutlich irgendwo in einem Drittweltland werden die passenden fingerlosen Handschuhe und die Strickmütze dazu gefertigt.




Am allerschlimmsten aber, und da geht jeglicher weihnachtliche Sinn im wahrsten Sinn des Wortes flöten, sind diese Kinder, die dann mit ihren Blockflöten dastehen und gegen die Panflöten von "La Cucaracha" mit den Ponchos aus Ecuador anflöten. Die einen spielen "el condor pasa", die anderen "Leise rieselt der Schnee". Während die einen wohl Teil einer mafiösen Struktur sind (und ich behaupte bis heute steif und fest, dass es nur diese eine einzige Andenband gibt, die quasi auf Dauerwelttorunee ist), sind die anderen ganz arme Gestalten. Mal ehrlich: Was müssen diese Kinder nur für Eltern haben, dass sie in die Fußgängerzone stehen und grottenschlecht Flöte spielen? Das ist definitiv ein Fall für die Jugendhilfe. Das kann keine normale Kindheit sein...
Warten auf Silvester.


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9 Weihnachten
Weihnachten. Es gab Zeiten, da war dieses Wort und alles, was es so im Schlepptau mit hinter sich her zieht, ein rotes Tuch für mich, so ab dem zwölften oder dreizehnten Lebensjahr, da ekelte ich mich nicht nur vor den drei fettigen Tagen, obwohl ich die Schlemmerei eigentlich ganz gerne mag, sondern vor allem vor der gespielten Familienfreude und -liebe. Genau zu dieser Zeit, es war wohl knapp nach der Wende, zerbrach dann auch das ganze Familientheater, verteilte sich teilweise in alle Windrichtungen und das in ein und derselben Stadt, übrig blieb ein kleiner, verstreuter Haufen, der sich bei Kerzenschein und knisterndem Geschenkpapier zusammenfand, auf dem alten Schallplattenspieler lief die gewohnte Weihnachts-LP, der Stollen war selbstgebacken, es roch drei Tage lang nach Essen und spät in der Nacht wurde meist noch einmal frischer Kaffe gemacht. Wir rauften uns zusammen und trotzdem wirkte es oft erzwungen, gespielt, Gedichte aufsagen musste ich allerdings nicht mehr.

Weihnachten. In einem Jahr wurde es trotzdem zu etwas besonderem und seit dem ist mein Verhältnis zu diesem Fest nicht mehr ganz so gespalten, ja, seit dem die Kinder da sind, kann ich sogar behaupten, dass ich mich darauf freue, es tatsächlich ersehne. Man wird eben Eltern. In diesem besagten Jahr gab es einen letzten ernst gemeinten Versuch, den Kern der Familie zu einem gemeinsamen Weihnachtsfest zusammen zu bringen, Treffpunkt war irgendwo im Harz, fernab der Zivilisation, mir schwante Schlimmes, vor allen Dingen Langeweile, zum Glück hatte ich einen Walkman, so ein tolles Techie-Teil, silbern glänzend und mit Auto-Reverse, da brauchte ich die Kassette nicht mehr umdrehen, toll. Dem Rufe folgten natürlich meine Eltern als Rufende samt meiner Wenigkeit, meine Schwester samt Anhang und meine beiden Omas, schon sehr betagt, aber rüstig, in freudiger Erwartung auf Kinder, Enkel und Urenkel, hatte es doch irgendwie einen Hauch von "damals". Die Anreise war gewohnt unspektakulär, früher reiste man beengt im lauten Trabbi über holprige Autobahnen, wenn man denn reiste, und freute sich trotzdem, nun rauschte die fabrikneue Luxusmittelklasselimousine mit kaum vernehmbarem Motorengeräusch über die Autobahn, den Harz erreichten wir nach knapp drei Stunden.

Schnee. Schnee gehört für mich unweigerlich zum Weihnachtsfest, ein Fest ohne Schnee ist nur ein halbes, am liebsten ist mir das Ganze als Schneesturm, so dass man kaum zur Tür herauskommt, im letzten Jahr ging es, glaube ich, kurz nach Weihnachten los, das war wunderbar. Im Harz schneite es. Erst begann es mit kleinen, leise herunter rieselnden Flocken, die am Boden kaum auffielen, alles ganz sanft und still. Als wir meine Schwester vom Bahnhof abholten, ging es schon rasanter zu, ein heftiger Wind kam dazu, die Flocken wurden dicker und der Boden weißer, bis kaum noch etwas dunkles zu sehen war, alles deckte sich langsam zu. Es war der dreiundzwanzigste, der Tag vor dem großen Fest, mein Neffe war noch ein kleiner Wicht und keine lange Bohnenstange, er freute sich wie verrückt, über den Schnee und auf die von ihm so sehnlich gewünschten Geschenke, er konnte kaum schlafen, stand immer wieder auf und fragte mit leuchtenden Augen "Kann ich schon aufstehen? Ist es schon soweit?" Irgendwann schlief er dann doch ein, die Erwachsenen und ich, der es noch werden wollte, saßen in ruhiger Runde zusammen, hier und da wurden noch Geschenke eingepackt, es wurde gebastelt, in der Küche die letzten Vorbereitungen für das große Essen getroffen, wie immer gab es Kassler mit Grünkohl oder Rosenkohl, irgendwo im Hintergrund lief der Fernseher und draußen schneite es immer noch wie wild. Über allem schwebte ein fast unbeschreibliches Gefühl, ein vorher eher unbekannter Zusammenhalt, eine angenehme Wärme und Ruhe, ehrlich und nciht gespielt, es fehlte nur noch das Knistern eines Kamins.

Heiligabend. Der Abend schlechthin. Die Welt sah am Morgen ganz anders aus, wie in Watte gepackt, selbst die Straßen waren weiß, die Geräusche gedemmt, es schneite immer noch, vor dem Fenster standen zwei Pferde im Schnee, weißer Dampf stieg aus ihren großen Nüstern in die kalte Luft. Ich saß mit meinem Neffen auf dem Fensterbrett, wir schauten beide hinaus in die weiße Wunderwelt, in diesem Moment waren wir beide Kinder, wir staunten mit offenen Mündern, planten einen riesigen Schneemann, eine Schneeballschlacht, und komischerweise plante etwas ganz tief in mir eine Familie, Kinder, Kinder mit leuchtenden Augen und offenen Mündern, ohne Kinder geht es nicht, schon gar nicht in der Weihnachtszeit. Die Pläne wurden in die Tat umgesetzt, Schneemann, Schneeballschlacht, die geplanten Kinder kamen natürlich erst viel später, die Zeit verging draußen viel schneller, wir beschmissen uns mit kaltem Schnee, der unter den Füßen knirschte, am Fenster beobachteten uns Eltern, Großeltern und Urgroßmütter, später machten sie sogar mit, es war ein gemeinsames Lachen, voller Freude, dazu der blütenweiße Schnee, der unsere frischen Spuren schnell wieder verschwinden ließ, die beiden unverwüstlichen, dampfenden Pferde, ein im Rentierschlitten auftauchender leibhaftiger Weihnachtsmann hätte diesen Heiligabend wohl perfekt gemacht.

Mittagsschlaf. Meine Mutter befehligte "alle Männer" in die Betten, in Küche und Wohnzimmer herrschte unüberhörbare Betriebssamkeit, Geschirr klapperte, noch einmal knisterte Geschenkpapier, alles wurde in Form gebracht, ein kleiner Weihnachtsbaum geschmückt, der Fernseher lief wieder im Hintergrund, ein Chor sang Weihnachstlieder, alles klang feierlich. Es hatte aufgehört zu schneien, langsam wurde es dunkel, wir versammelten uns zum gemeinsamen Kaffee, danach gingen wir in die Kirche, das haben wir (Kinder) vorher erst einmal gemacht. In der kleinen Dorfkirche empfing uns eine ganz eigene Welt, wundersam und unbekannt, es gab ein Krippenspiel, es wurde gesungen, meine Großmütter sangen voller Freude, hatten ein paar Tränen in den Augen, die Kirchenbänke waren hart und unbequem, mein Neffe furchtbar aufgeregt, je länger es dauerte, um so unruhiger wurde er, wie wir alle auch. Draußen erhellte der Schnee die Welt, um uns herum stille Wälder, es waren kaum noch Autos auf der Straße, dafür überall wunderbar beleuchtete Fenster, keine kecktisch blinkenden Lichterketten, warmes, gelbes Licht aus Häusern, in denen überall gefeiert wurde, wir rannten fast zum Ferienhaus, mein Neffe rief ständig laut und aufgeregt "Der Weihnachtsmann war schon da. Der Weihnachtsmann war ganz bestimmt schon da."

Geschenke. Erwachsene verabreden gern, sich nichts mehr zu schenken und tun es dann doch, aus Pflichtgefühl, schlechtem Gewissen oder weil sie es einfach nur gut meinen, liebevolle Geschenke treffen deswegen oft genau ins Schwarze. Und für die Kinder kommt der Weihnachtsmann. Langsam und bedächtig öffnete mein Vater die Tür, meine Mutter befehligte alle in den weiten Flur "Wartet bitte, ich muss erst schauen, ob der Weihnachtsmann auch wirklich schon da war." Mein Neffe war nicht mehr zu halten, wir, die nicht mehr an den Zauber des dicken Mannes mit Bart und Mantel glaubten, hatten trotzdem ein Glänzen in den Augen, von außen betrachtet wird es wohl alles ein wenig wie aus einer schlechten Weihnachtswerbung gewirkt haben, wir fühlten uns wohl, uns war innerlich warm und wir waren aufgeregt. Endlich war das fast schon traditionelle Läuten der alten Messingglocke zu hören, die Spannung stieg, der Neffe führte die kleine, immer noch aufgeregte Weihnachtsprozession in das spärlich beleuchtete Wohnzimmer, es war unglaublich warm durch die vielen Kerzen, auf einem Tisch stand der kleine Tannenbaum, mit roten und goldenen Kugeln und einer warm leuchtenden Weihachtskette geschmückt, darunter ein wahrer Berg liebevoll eingepackter Geschenke. "Der Weihnachtsmann war da, er war da, ich hab es doch gewusst. Und ich hab ihn wieder nicht gesehen" Papier flog in Fetzen durch das Zimmer, Verpackungen wurden aufgerissen, Spielzeuge ausgepackt, Bücher hecktisch gesichtet, wir prosteten uns zu, umarmten uns, gaben uns einer fast weinerlichen Sentimentalität hin, nicht jämmerlich, sondern wohlig, alles war gut, bestens, kein Theater, wunderbarer Ernst.

Essen. Entspanntes Essen in aufgelockerter Atmosphäre, lächelnd, lachend und kauend werden Anekdoten aus drei Generationen der Familie präsentiert: "Weißt du noch, als Opa auf dem Akkordeon spielte oder auf dem Klavier, alle sangen mit und freuten sich." oder "Elvis mochte er nicht, darum erzählten wir ihm, es wäre Vico Torriani.", leider lernte ich meine Großväter nie kennen. Weihnachten im Krieg, Weihnachten nach dem Krieg, Weihnachten mit kubanischen Apfelsinen und dem Thomanerchor auf LP, Weihnachten heute, alles verändert sich, die Rituale bleiben immer gleich, in diesem einem Jahr war das Gefühl einzigartig und besonders, draußen das verschneite Wunderland, drinnen leuchtende Kinderaugen, Vertrautheit, Geborgenheit, ein Glücksgefühl schwebte mit dem Duft des selbstgebackenen Stollen durch das Haus, die, die sich wirklich wichtig waren und liebten, hatten sich versammelt, hatten zueinander gefunden, feierten sich gegenseitig, mehr Geschenk brauchten wir nicht.

Dieses eine Fest war wundersam und wunderbar und eigentlich gäbe es noch viel mehr zu erzählen, es prägte mich und meine Vorstellungen von Familie, wie sie sein sollte, könnte, wenn man sich nicht verzettelt, gegenseitig misstraut, immer wieder vergisst, dass es nicht um gegenseitige Forderungen, ständiges geben und nehmen geht, sondern einzig und allein um das Gefühl der Zusammengehörigkeit, um Liebe, ein Wunschtraum. Ein fröhliches Weihnachtsfest.


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8 Besinnliches
xmasdiagonale (mp3, 1.052 KB)


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